https://www.faz.net/-gpf-7b1d5

Fraktur - Die Sprachglosse : Ganz oben

Diese Ähnlichkeit: Vor Peer Steinbrück wollte auch schon Francesco Petrarca ganz nach oben. Bild: Archiv

Ob rinks oder lechts: Alle Politiker streben nach Höherem. Doch jeder muss irgendwann wieder nach unten. Dann ist eben das oben.

          In dem Maße, in dem in der Politik die Unterschiede zwischen rinks und lechts und zoran und vurück verwischen, gewinnt ein anderes Gegensatzpaar an Bedeutung: oben und unten. Am Anfang dieser Entwicklung stand vermutlich der Dichter Petrarca, der im Jahr 1336 den Mont Ventoux bestieg, mit dem einzigen Ziel, oben zu stehen. Manche seiner deutschen Nachahmer aus der jüngeren Vergangenheit haben es sich auf ihrem Weg nach oben einfacher gemacht: Sie stiegen zum Beispiel in den Aufzug eines Boulevardblatts ein - ohne zu merken, dass es sich um einen Fahrstuhl zum Schafott handelte.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Ein Sprichwort besagt: Nach oben zu kommen ist sehr schwer, oben zu bleiben noch viel mehr. Man sollte hinzufügen: Es ist unmöglich. Jeder muss irgendwann wieder nach unten; das wissen zumindest die Bergsteiger, für die ein Berg erst dann als bestiegen gilt, wenn sie heil an dessen Fuß angekommen sind. Ein anderes Sprichwort behauptet: Oben ist es einsam. Andersherum wird ein Schuh daraus: Wo es einsam ist, ist oben. Deshalb wird der Mont Ventoux mit jedem Menschen, der ihn besteigt, einen Meter niedriger. Und deshalb konnte auch der Boxer René Weller noch am Boden liegend so treffend formulieren: „Wo ich bin, ist oben. Und wenn ich mal unten bin, ist unten oben.“

          Die meisten anderen Menschen haben hingegen eine ziemlich simple Vorstellung vom Obensein. Nicolas Sarkozy etwa, der ungeheuer oben war und doch, kaum dass man aufsah, schon im Wind schwand. Die Schriftstellerin Yasmina Reza, die ihn während des Präsidentschaftswahlkampfs 2007 begleitete, zitiert ihn aus dieser Zeit wie folgt: „Mein Leben und die Geschichte meines Lebens bestehen daraus, von ganz unten aufzubrechen, um ganz nach oben zu gelangen. Mir fehlt nur noch eine Stufe.“ In ihren eigenen Worten fügt Reza hinzu: „Ganz nach oben? Gibt es in einem Menschenleben einen Raum, den man ganz oben nennen kann? Wie desillusionierend, wenn es so wäre.“ Und wie schön, dass es nicht so ist. Denn auch onten und uben liegen viel näher beieinander, als uns die SPD und die Linkspartei glauben machen wollen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.