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Fraktur - Die Sprachglosse : Fünfte Kolonne

Kolonne aus dem Westen auf dem Marsch nach Moskau: Niemand hat die Absicht, eine Halbinsel zu klauen. Bild: Zeichnung: Wilhelm Busch

Putins Potpourri aus 1938, 1939 und 1968: Alles halb so schlimm! Vermutlich hat er nur eine Überdosis Guido Knopp abbekommen.

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          Seit Wladimir Putin zum größten Wiedervereiniger aller Zeiten werden will, überschlagen sich im Westen die Spekulationen, was ihn eigentlich antreibt. Eine genaue Analyse seiner Rede, mit der er im Heldensaal des Kremls vor der Geschichte den Anschluss der Krim an das Russische Reich meldete, zeigt, dass alles eigentlich gar nicht so schlimm ist. Vermutlich hat er in einer schlaflosen Nacht, als er sich Sorgen um das Ansehen seines Landes machte, den Fernseher eingeschaltet und dabei eine Überdosis Guido Knopp abbekommen. Und vielleicht ist sein Deutsch doch nicht ganz so perfekt, er hat es ja in Dresden gelernt. Selbst ein großer Jäger, Angler, Taucher, Schwimmer, Flieger, Reiter und natürlich Präsident wie er kann nicht alles können. Deshalb sollte man es im Sinne der erwünschten Deeskalation nicht überbewerten, dass Putins Rechtfertigung für die Heimholung der Krim ein bisschen klang wie ein Potpourri berühmter Begründungen aus den Jahren 1938, 1939 und 1968.

          Der Mann meint das bestimmt alles nicht so, was seine Anhänger im Westen immer schon wussten. Er will doch nur spielen. Man hätte ihm einfach ein paar hundert Millionen Euro geben sollen und ein Devisenkonto bei der Bank Vontobel. (Anderseits ist man doch froh, dass Uli Hoeneß nur Präsident des FC Bayern war und nicht der einer Atommacht.)

          So aber dreht sich schon die Sanktionsspirale. Putins willige Helfer dürfen nicht mehr ins Disneyland nach Florida fahren, und John McCain muss seinen lange geplanten Osterurlaub in Nowosibirsk absagen. Die Welt steht eindeutig am Abgrund. Dabei zeigt doch allein die Tatsache, dass der Kremlherr nun eine „fünfte Kolonne“ des Westens in Russland entdeckt hat, wie viel der Osten und der Westen voneinander lernen und sich gegenseitig geben können, wenn man nur diese dummen Missverständnisse überwindet. Es weiß zumindest jedes deutsche Kind, dass die fünfte Kolonne zwar in Spanien erfunden wurde, danach aber ein beliebtes Geschenk Moskaus an gute Freunde wie das kapitalistische Westdeutschland war, dessen Wunsch nach Wiedervereinigung mit der DDR, wie wir jetzt von Putin hörten, der Kreml von Anfang an unterstützte. Leider konnte sich die friedliebende Sowjetunion aber ein paar Jahrzehnte lang nicht gegen Lotte Ulbricht und Margot Honecker durchsetzen. Doch als Zeichen der Anerkennung des deutschen Selbstbestimmungsrechts schickte Moskau anstelle von ein paar Divisionen eben jene Kolonisten an den Rhein, die Gerhard Löwenthal regelmäßig im ZDF-Magazin outete und die Heiner Geißler, als er noch nicht zwischen dem Juchtenkäfer und der Kleinen Hufeisennase vermitteln musste, gerne bei der SPD ausmachte. Was, man denke nur an Günter Guillaume, nicht ganz falsch war, Geißler aber noch vor Gorbatschow einen Goebbels-Vergleich einbrachte. Wenn man bedenkt, was wir alles schon hinter uns haben, müssen wir uns über die Zukunft gar nicht mehr so große Sorgen machen.

          Wer aber soll nun die fünfte Kolonne des Westens in Moskau kommandieren, auf dass wir uns in ihrem Mutterland nicht blamieren? Freiwillig macht ja nicht einmal Sahra Wagenknecht rüber in Putins Reich, der ein Kenner wie Franz Josef Strauß gewiss bescheinigt hätte, dass sie eine 1a-Kolonnenführerin abgäbe. Doch sie hat auch hier bei uns schon genug zu tun. Und wenn die Sanktionen erst richtig greifen, gibt es in Moskau möglicherweise keine Dior-Blusen und keinen Hummer mehr. Es muss ja nicht immer Kaviar sein. Aber nur noch Fischeier und die süße Plörre von der Krim, das hält auf die Dauer auch die glühendste Kommunistin nicht aus.

          Doch wer soll die Truppe in Moskau dann befehligen? Gernot Erler? Armin Laschet? Peter Gauweiler? Ah, jetzt haben wir’s: Edward Snowden! Obama ist doch viel gerissener, als man denkt. Eben ein Friedensnobelpreisträger. Da glauben alle, Snowden sei ein Überläufer. Doch in Wahrheit hat Washington einen Doppelagenten nach Moskau geschickt, mehr noch, einen menschlichen Trojaner, der jetzt Putins Software mit den leitenden Ideen der Pax Americana infiziert. Das erklärt auch, warum Putin plötzlich so scharf auf die Krim war wie früher nur die CIA auf Kuba. Obwohl doch keiner in Moskau je die Absicht hatte, eine Halbinsel zu klauen.

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