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Fraktur - Die Sprachglosse : Fire and forget

Jahresendschlacht: Dafür kann man schon den einen oder anderen Finger opfern. Bild: Zeichnung Wilhelm Busch

Warum es kein Wunder ist, dass in Deutschland immer öfter Sylvester gefeiert wird.

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          Silvester, das sah und hörte man auch dieses Mal wieder, ist doch der liebste Tag des Deutschen. Da lässt er – sie hält sich eher zurück – es so richtig krachen. Wenigstens einmal im Jahr fallen aller Kleingeist und alle Verklemmtheit von ihm ab. Regt er sich sonst auch über den Elektrorasenmäher seines Nachbarn auf oder über Kinderlieder nach 17 Uhr: Zum Jahreswechsel knallt er durch, bis es nicht nur dem Morgen graut, koste es, was es wolle. Dann rebelliert der Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund – auf diesem Feld der Ehre zeigt sich, wer wirklich integriert ist – mit Pulver und Schwefel gegen die Feinstaubverordnung wie einst Andreas Hofer gegen Napoleon.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Auch das Diktat der Mülltrennung, dem er sich für den Rest des Jahres untertänigst unterwirft, hat in dieser Nacht keine Macht mehr über ihn. „Fire and forget“ lautet an Silvester die Devise der Raketen-Strategen, die schließlich jedes Jahr ein Wettrüsten gegen den Nachbarn zu gewinnen haben, das gelegentlich auch zu „Friendly-fire“-Vorfällen führt. Da kann man sich nicht auch noch mit dem Entsorgen der verglühten Vulkane und leergeschossenen Werferbatterien aufhalten. Wozu, da meldet sich dann doch wieder der Hausmann im Deutschen, gibt es schließlich eine Straßenreinigung? Und wen stören schon die rauchenden Müllhalden auf Gehwegen und Plätzen, wo es uns sonst so gut geht, wie die Kanzlerin sagte. Oder war es doch Miss Sophie? Man kommt bei diesen wiederkehrenden TV-Sendungen ganz durcheinander.

          Jedenfalls sollen wir, das war die Botschaft, immer das Gute im Schlechten sehen. Also etwa, dass die große Koalition nicht schon für fünf, sondern nur für vier Jahre gewählt ist. Oder dass der Deutsche an Silvester mit seinen Mini-Stalin-Orgeln vielleicht nicht nur böse Geister, die Schwiegermutter und den Kläffer von nebenan vertreiben, sondern auch deutsche Vergangenheit von Verdun bis Stalingrad bewältigen will, natürlich mit einem glücklicheren Ausgang. Dafür kann man schon den einen oder anderen Finger als Kollateralschaden opfern. Selbst bei leichten Verbrennungen fühlt es sich ja immer noch gut an, an der Aktion „Böller für die Welt“ mitgewirkt zu haben. Rauchen für die Rente war gestern und ist inzwischen sowieso verboten. Heute lautet das Motto: Feuer frei für den Frieden!

          Daher ist es auch kein Wunder, dass in Deutschland immer öfter Sylvester statt Silvester gefeiert wird. Sylvester „Rambo“ Stallone ist schließlich ein viel besserer Namensgeber für die Jahresendschlacht als ein Papst. Obwohl es auch mancher Papst ganz schön krachen ließ, von dem einen oder anderen einfachen Bischof ganz zu schweigen.

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