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Fraktur - Die Sprachglosse : Entscheidung

Erste falsche Entscheidung Bild: Ullstein

Entscheiden tut weh. Deshalb lassen es unsere Berliner Top-Entscheider lieber bleiben.

          1 Min.

          Das Schlimmste an der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies war, dass er sich seither entscheiden muss: natürlich zwischen Gut und Böse und Freund und Feind, aber auch zwischen Mindestlohn und Lohnuntergrenze, zwischen Pest und Cholera und Pepsi und Cola.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Weil das so wahnsinnig schwer ist, hat der Mensch viel Mühe darauf verwandt, sich Sachen auszudenken, die ihn vom Zwang zur Entscheidung entlasten sollten: Gott zum Beispiel oder die Monarchie oder das Schicksal oder den Zufall.

          Bis der Mensch dann angefangen hat, von der Vernunft zu träumen und zu glauben, Entscheidungen zu treffen sei ein Segen statt ein Fluch, weil man sie ja rational begründen könne. Das war ungefähr zur Zeit Friedrichs des Großen, des Monarchen, der sich nicht ohne Grund mit dem Satz vernehmen ließ: „Wenige Menschen denken, und doch wollen alle entscheiden.“

          Heute, gut zweihundert Jahre später, haben wir nun unser selbstbestimmtes Leben – und wissen nichts damit anzufangen. Vor jeder gut gefüllten Wursttheke stehen wir so ratlos, als befänden wir uns inmitten des Gefangenendilemmas, wir heiraten niemanden, weil wir auch jemanden anderen heiraten könnten, aus Wahlmündigkeit ist Wahlmüdigkeit geworden – und selbst auf die Frage „Christus oder Barrabas?“ antworten wir mit einem Vertagungsantrag oder der Einsetzung einer Untersuchungskommission.

          Letzteres hat der etwas umstrittene Top-Entscheider Carl Schmitt vor etwa 80 Jahren dem Parlamentarismus vorgeworfen. Ob er damals schon geahnt hat, dass dereinst die SPD-Führung nicht Manns genug sein würde, ohne Einbeziehung der Basis über eine Koalition mit der Union zu entscheiden?

          Oder dass die FDP künftig einem Mann vertrauen will, der so entscheidungsschwach zu sein scheint wie der notorisch entscheidungsschwache Heinrich von Kleist? Der Schriftsteller pflegte sich immer wieder in so „alternativlose“ (vgl. auch A. Merkel) Situationen hinein treiben zu lassen, dass er scheinbar die Umstände für sich entscheiden ließ.

          So will es nun auch Christian Lindner handhaben: „Wenn ich die FDP 2017 zurück in den Bundestag führe, bleibe ich Politiker“, sagte er zuletzt. „Sonst nicht.“

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