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Fraktur - Die Sprachglosse : Die Wahrheit

Die Wahrheit ist: Er kann über das Wasser fliegen! Bild: REUTERS

Hat Wladimir Putin wirklich den Kontakt zur Wirklichkeit verloren? Oder nur vom Obereuropäer Jean-Claude Juncker gelernt?

          Was ist Wahrheit? Die relativste Sache der Welt. Nehmen wir einen Menschen, dem das Wasser bis zum Hals steht. Ist das tatsächlich ein Mensch, dem das Wasser bis zum Hals steht? Oder ein Körperamputierter, der über das Wasser gehen kann? Und was bedeutet es, wenn man im Voralpenland einen ADAC-Hubschrauber sieht? Sind wirklich Pannenhelfer unterwegs? Oder ist nur der ADAC-Präsident auf dem Weg zum Heliskiing?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Mit der Wahrheit ist das jedenfalls so eine Sache, auch in der Politik. Über Hans-Peter Friedrich hieß es zuletzt, es heiße über ihn, er sei gutmütig. Gemeint sei aber eigentlich: zu gutmütig, also naiv, was ihn sehr erregte. Eine Begriffsverwirrung anderer Art stiftete AfD-Chef Bernd Lucke, als er das Verhältnis Sebastian Edathys zu Kindern mit dem Terminus „Interesse“ angemessen beschrieben fand. Edathy selbst ist hingegen der Ansicht, dass in seinem Fall „moralisch unkorrektes Verhalten im Privatleben“ die korrektere Bezeichnung sei. Wer also hat recht? Nach der Logik Wladimir Putins immer der, der am nächsten dran ist, also Edathy. Putin ist schließlich auch der Ansicht, dass Janukowitsch die beste Quelle ist, um sich über die Vorgänge in der Ukraine zu informieren.

          Überhaupt der Kreml-Chef. Er bezeichnete zuletzt Janukowitsch in einem Atemzug als „Gauner“ und „legitimen Präsidenten der Ukraine“. Die ukrainischen Soldaten, denen seine eigenen Leute waffenstarrend gegenüberstehen, nannte er „Freunde und Waffenbrüder“. Und das Selbstbestimmungsrecht der Kosovaren, zu dem Moskau mindestens ein gespaltenes Verhältnis hat, führte er als beispielhaft an für die Bewohner der Krim. Hatte Angela Merkel also recht, als sie jüngst angeblich insinuierte, Putin lebe in einer anderen Welt? Oder hat der russische Präsident nicht einfach nur vom Obereuropäer Jean-Claude Juncker gelernt, der einst die Lüge als legitimes Mittel der Politik beschrieben hatte?

          Wahr ist wohl nur, dass es mit der Wahrheit immer besonders schwierig ist, wenn es um die drei K geht: Krise, Konflikt, Krieg. Was bedeutet schon Krise? Etwa Chance, wie bei den Chinesen? Was Konflikt? Vielleicht Normalität, wie in der großen Koalition? Und was ist Krieg? Selbstverteidigung? Wiederherstellung der Ordnung? Politik mit anderen Mitteln? Die Mutter aller Dinge? Oder doch bloß eine unschöne Sache, bei der es „gelegentlich auch Verletzungen und Schlimmeres“ (Peter Gauweiler) gibt und bei der die Wahrheit sprichwörtlich zuerst stirbt?

          Es heißt, die Union habe keinen Begriff mehr von Konservatismus. Dafür haben Eskimos angeblich Dutzende Begriffe für Schnee. Noch mehr haben die Frankfurter für die Offenbacher und Kirchenleute von der Nächstenliebe. Das alles ist freilich nichts gegen die unzähligen Begriffe, die wir Menschen für Wahrheit und für Krieg haben. Was sagt das über unsere Welt?

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