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Fraktur - Die Sprachglosse : Die Tür macht hoch, das Gate macht weit

Torheit: Max und Moritz vor ihrem Einbruch in den Bakergate-Komplex Bild: Wilhelm Busch

Was täten wir nur ohne das produktivste Lehnwort aus dem Englischen?

          Es gibt ja nichts, was es nicht gibt, weswegen es neben den vielen Widerstandsgruppen, die sich gegen die Unterwanderung des Deutschen mit Anglizismen wehren, auch eine Aktion geben muss, die Lehnwörter aus dem Englischen liebt, also loves. Sie will „dem Kulturkonservatismus, mit dem Lehnwörter sonst diskutiert werden, eine positive Sicht von Entlehnung als Spiegel gesellschaftlichen Wandels entgegen“ setzen. Well spoken, möchte man meinen, schließlich bläst uns der Wind of Change ja überall ins Gesicht, und vor allem dauernd auf Englisch, selbst noch in den Liedern deutscher Rockbands.

          Kein Wunder also, dass bei der diesjährigen Abstimmung ein Bläser zum Publikumsliebling wurde: der Whistleblower. Doch auch die Runner-ups Selfie, Hashtag und Fake zeigen uns, wie arm die deutsche Sprache und ihre User sein müssen, wenn solche sprachlichen Gastarbeiter benötigt werden. Sieger aller Klassen aber wurde wegen seiner „Produktivität“ die Nachsilbe „-gate“, die aus der deutschen Erregungslandschaft gar nicht mehr wegzudenken ist. Aus ihrer inflationären Verwendung spricht die Sehnsucht nach dem ganz großen Skandal (der Anglizismus als Spiegel der deutschen Gesellschaft!), die bei uns leider nur selten befriedigt wird.

          Man erinnere sich: Watergate führte zum Rücktritt des amerikanischen Präsidenten Nixon. Hierzulande reicht dafür schon, dass ein Staatsoberhaupt beleidigt ist. Deswegen ist es bei uns auch schon ein Gate, wenn ein Politiker abends an der Bar etwas über die Bluse einer Journalistin sagt. Oder die Frau eines bayerischen Ministerpräsidenten kein Dirndl trägt. Uns fehlen einfach die ganz großen Aufreger, etwa dass Angela Merkel im Willy-Brandt-Haus einbrechen lässt, um endlich herauszufinden, wo Sigmar Gabriel seine strammen Hosenanzüge her hat.

          Nun könnte man einwenden, dass doch zumindest das aktuelle Meisnergate in diese Kategorie fällt, frei nach dem Kirchenlied: Die Tür macht hoch, das Gate macht weit ... Doch scheint auch hier nur ein Fall von Torschlusspanik vorzuliegen, natürlich nicht auf Seiten des Kardinals, sondern seiner Kritiker, die ihm zum Schluss noch einmal eins reinwürgen wollen.

          Hätte er vielleicht sagen sollen, dass ihm eine katholische Familie drei evangelische ersetze? Dann hätte er es mit Margot Käßmann zu tun bekommen, und das wäre nicht lustiger geworden, auch wenn sie seit ihrem Ampelgate für Torheiten aller Art Verständnis haben müsste. Wir schlagen angesichts dieser Geschichten übrigens vor, „gate“ nicht länger mit „Tor“ zu übersetzen, sondern mit „Eigentor“. Denn seit Nixons Waterloo hat noch jeder tumbe Tor, der auch ein Watergate erlebte, mindestens eins geschossen. 

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