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Fraktur - Die Sprachglosse : Die Allerfiktionalste

Sonst wird sie noch misstrauisch: Eine (autorisierte) Anleitung zum Glücklichsein für Interviewer und Interviewte. Bild: Daniel Pilar

Eine (autorisierte) Anleitung zum Glücklichsein für Interviewer und Interviewte.

          1 Min.

          Unter allen im deutschen Printjournalismus gebräuchlichen Formen ist das Interview die trügerischste. Weil es so tut, als sei es unter allen Formen die am wenigsten fiktionale. Dabei ist es die allerfiktionalste. Es fängt schon damit an, dass sich der Journalist mit einem Politiker ein oder zwei Stunden lang unterhält, dass man aber das Interview, das später in der Zeitung erscheinen wird, in fünf bis zwanzig Minuten gelesen hat.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Im Gespräch gibt sich der Journalist auch oft harmloser und interessierter, als er ist, damit der Politiker sich so wohl fühlt, dass er Antworten gibt, die er bei der sogenannten Autorisierung des Interviews dann garantiert nie gegeben haben will. Aber das macht nichts. Denn je schärfer die schärfsten Antworten ausfallen, desto schärfer sind in der Regel auch die zweitschärfsten Antworten. Und die haben meist gute Chancen, die Autorisierung zu überstehen.

          Dann tippt man das Interview ab: Oft handelt es sich dabei um ein ungefüges Etwas; man wollte es keinem Leser zumuten. Also geht man noch mal drüber – und noch mal und noch mal. Man stellt um, kürzt, spitzt zu, überlegt, was der Politiker glaubt, was er noch gesagt haben könnte, fügt es womöglich ein. Man sollte dem Politiker allerdings nichts zur Autorisierung vorlegen, nicht einmal ein einziges Wort, das für ihn den politischen Tod bedeuten könnte. Sonst wird er misstrauisch, selbst gegenüber den eigentlich unproblematischen seiner angeblichen Antworten. Sollkürzstellen sollte man allerdings schon einbauen: Sätze, von denen man mit einiger Sicherheit annehmen kann, dass sie der Gesprächspartner streichen wird. Auch das macht nichts, denn ihre wahre Funktion ist es, von den Stellen abzulenken, auf die es tatsächlich ankommt.

          Dann folgt die besagte Autorisierung, die ein Segen statt ein Fluch ist: Ein fiktives Gespräch wird durch das Okay des Gesprächspartners in den Kreislauf der Realitäten überführt. Im besten Fall erkennen sich Interviewer und Politiker in dem fertigen Gespräch dann kaum wieder. Trotzdem werden sie entzückt sein. „Wie gewieft ich doch bin!“, denkt der eine, „wie schlagfertig ich sein kann!“, der andere. Wenn man sich jedoch ein oder zwei Stunden Zeit genommen hat und es kommt kein Interview dabei heraus (das gab es auch schon), dann haben beide Seiten etwas falsch gemacht. Denn ein Interview, das nicht gedruckt wird, ist nie geführt worden. Hingegen ist ein Interview, das gedruckt wird, nur so nie geführt worden.

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