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Fraktur - Die Sprachglosse : Auf der Jagd

Ohne Gewehr: Süßer Heuler auf der Flucht vor der Medienmeute und den Steuerhinterziehern Bild: ddp

Giraffen an Löwen verfüttern? So etwas Abartiges kann nur dem Menschen einfallen.

          Seit in Deutschland jeder Steuerbetrüger gnadenlos verfolgt wird, hat der Begriff „Jagd“ ein bisschen von seiner einst positiven Bedeutung zurückerlangt. Im Allgemeinen jedoch gilt die Jagd heute als versuchter Mord aus niedersten Beweggründen, wobei der Jäger weniger das Leben von Häschen oder Hühnern gefährdet als vielmehr sein eigenes - und sei es nur das politische. Dass der Elefantenjäger Juan Carlos noch im Amt ist, verdankt er allein dem Umstand, dass er sich bei der Jagd wenigstens die Hüfte gebrochen hat und dass man ihn als König schlecht vom Hof jagen kann.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Schwerer hat man es da als Zentralabteilungsleiter im Thüringer Umweltministerium: Der nämliche Beamte, der als Jäger an einer Elefantenjagd in Botswana teilgenommen hatte, wurde jüngst beurlaubt, obwohl der Erlös aus der Jagd - wenn wir es richtig verstanden haben - für die Rettung der botswanischen Elefanten gedacht war.

          Aber da hatten die „Bluthunde“ (Horst Seehofer) in den deutschen Zeitungshäusern längst zur „Treibjagd“ geblasen. Sie appellierten dabei an die niedrigsten Instinkte der Deutschen: ihre tiefe Abneigung gegenüber hohen Tieren - und ihre bedingungslose Liebe zu großen, die sich nicht zuletzt darin zeigt, dass die Dinos nie ausgestorben wären, wenn es damals schon den BUND und die Grünen gegeben hätte.

          Jedenfalls macht es einen enormen Unterschied, wer gejagt wird. Und von wem. Und womit. Und natürlich zu welchem Zweck. Gerade noch okay ist Biathlon. Oder wenn zum Beispiel Eskimos mit handgeschnitzten Angelhaken Weiße Haie jagen, um mit dem Fleisch eines einzigen Fischs ihre Großfamilie über den Winter zu bringen, aus den Haizähnen Modeschmuck zu basteln und aus den Haiflossen Lenkdrachen, welche die Eskimokinder dann bei schönem Wetter steigen lassen können. Überhaupt nicht okay ist hingegen, wenn Steuerhinterzieher oder die Medienmeute mit Hilfe von halbautomatischen Gewehren oder gar Drohnen süße Heuler niedermähen, um danach Fotos davon auf Facebook zu posten. Mögliche Ausnahme von dieser Regel: Die Jäger leiden unter einer unheilbaren Krankheit und wollen sich noch einen letzten Wunsch erfüllen.

          Der Philosoph José Ortega y Gasset, ein Landsmann von Juan Carlos, hat einmal geschrieben, die Jagd sei die „ursprüngliche Art, Mensch zu sein“.

          Das ist lange her. Heute gilt sie als die moderne Art, Unmensch zu sein. Oder gleich Tier. Menschlicher sind da schon die Tiere. Sie erschießen keine Elefanten, fliegen nicht First Class in indische Slums, werden bei Olympia nicht Vierter und hinterziehen vor allem keine Steuern. Dass sich manche von ihnen leider immer noch von Fleisch ernähren und dass dieses Fleisch in der Regel weder fair getradet wurde noch vom Hofladen um die Ecke stammt, hatten wir schon fast vergessen - bis zuletzt in Kopenhagen das Undenkbare passierte: Selbst unsere Kinder wurden Zeugen, wie dort die Giraffe Marius, die noch so jung war, dass man mit ihr über die Unsterblichkeit sprechen konnte, an sogenannte Raubtiere verfüttert wurde. So etwas Abartiges kann wirklich nur dem Menschen einfallen.

          (Alle Angaben sind wie immer ohne Gewehr.)

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