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Um den Finger gewickelt: Bei Märchen über die Macht der Männer kann Merkel nur schmunzeln. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Die magere Macht der Männer

Auch wenn die grauen Wölfe aufjaulen: Am Triumph der Frauenpower gibt es nichts zu deuteln.

          Das war doch wahrlich ein Bild für die Göttinnen: Merkel, von der Leyen, Kramp-Karrenbauer – lächelnd, strahlend, sitzend. Diesen Glanz in seiner Hütte hielt nicht einmal der Bundespräsident aus, weswegen sein stellvertretender Stellvertreter Müller die Urkunden überreichen musste, die den Endsieg Merkels über den Andenpakt und alle anderen Männerselbsthilfegruppen in der deutschen Politik dokumentieren.

          Wer meint, dieses Triumfeminat sei das Ergebnis von Zu- und Unfällen, glaubt wohl auch noch, dass es die Mondlandung wirklich gab. (Vor fünfzig Jahren! Wo selbst unser hochmodernes Navi schon Schwierigkeiten hat, den Mondsee zu finden.) Soll Macron ruhig seiner Brigitte erzählen, er sei der Vater des Gedankens gewesen, Muttis Klügste an die Spitze der EU-Kommission zu hieven. Merkel kann bei solchen Märchen, wie gesehen, nur schmunzeln. Sie weiß schon, wer da wen um den Finger gewickelt hat.

          Nein, am Triumph der schon sprichwörtlichen „Frauenpower“ über die nur noch magere Macht der Männer gibt es nichts zu deuteln. Aber das hinderte einige graue Wölfe natürlich nicht daran, wütend auf die drei Powerfrauen zu sein. Schon die Euro-Uschi wird nun als Leichtgewicht von des Sonnenkönigs Gnaden hingestellt, das seine Bewerbungsrede im Europäischen Parlament nicht mal auf Slowakisch halten konnte.

          Richtig eingeschossen hat man sich aber auf Annegret Kramp-Karrenbauer. Selbst Pazifisten, die noch nie aus dem Blechnapf fraßen und bei „G36“ an lebenslanges Lernen auf einer Waldorfschule denken, feuern nun aus allen Rohren auf die Saarländerin. Was erlauben AKK, heißt es da – verhält sich auf dem Weg nach oben einfach wie ein Mann! Und versteht die überhaupt etwas vom Kämpfen? So viel Sorge um die Erhaltung der Kampfkraft und Einsatzfähigkeit der Bundeswehr war nie, schon gar nicht parteiübergreifend. Auch angesichts dieses überaus erfreulichen Effekts kann man vor der Kanzlerin nur den Helm abnehmen. Einfach alles vom Ende her gedacht und ausbaldowert.

          Wie aber passt in diesen göttlichen Plan, dass eine in der Wolle gefärbte Feministin namens Ska Keller („The future is feminist“) im Europaparlament gegen von der Leyen stimmte, während die polnischen Reaktionäre von der PiS-Partei für sie votierten? Da muss man doch nur kurz nachdenken. Wie wollte man in Warschau einer siebenfachen Mutter einen Korb geben? Und das grüne Fräulein ist vermutlich, wie so viele, auf die Legende des Machos Macron reingefallen. Als alter weißer Mann muss man ja nicht mehr alles verstehen.

          Auch so gut wie alle anderen Mitwirkenden haben brav die Rollen gespielt, die die Regisseurin ihnen dann gar nicht erst erklären musste. Habeck und Baerbock sagten erst etwas (Unverbindliches), als von der Leyen schon gewählt war. Zuvor konnten sie sich nicht äußern, da sie unerreichbar im Urlaub waren, beide. Da sieht man wieder, welche Vorteile eine Doppelspitze hat. Ähnlich verhielt sich die schmollende, weil schon wieder von Merkel überholte „Führung“ der SPD, deren Dreigestirn nur zwei Frauen aufbieten kann.

          Die Sozis im Europäischen Parlament dagegen überschlugen sich geradezu bei dem Versuch, endlich einmal authentisch zu wirken, also durch und durch verbohrt. Um diesen Eindruck nicht zu gefährden, stimmte selbst Katarina Barley gegen ihre frühere Kabinettskollegin, gegen deren kometenhafte Karriere sie als immerhin eine von vierzehn Vizepräsidentinnen und -präsidenten des Europäischen Parlaments rein gar nichts haben kann. Von wegen Stutenbissigkeit! Die kollegialen Gefühle hintanzustellen war schon ein ziemlich großes Opfer im Dienst der verlorenen Sache.

          Das Genialste an der ganzen Inszenierung jedoch ist: Merkel hat an den Strippen gezogen, aber kaum etwas von den faulen Eiern und Äpfeln abbekommen, die danach auf die Bühne flogen. Entsprechend gelöst konnte sie jetzt in den Sommerurlaub gehen. Bayreuth eröffnet in diesem Jahr mit dem Sängerkrieg auf der Wartburg. Im Tannhäuser spielt zwar immer noch ein Mann die Hauptrolle. Aber auch die ist ja eine ziemlich tragische, und das schon seit 1845.

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