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Gay Pride: Jetzt trägt auch Markus Söder stolz die Farben des Regenbogens. Bild: Markus Söder/Twitter

Fraktur : Ganz im Zeichen des Regenbogens

Verräterische Fußballsprache: Wie konnte ausgerechnet diese Sportart als letzte Bastion der abendländischen Heterosexualität gelten?

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          Die Fußball-EM in München steht ganz im Zeichen des Regenbogens. Ein großer Aufreger war zunächst der Greenpeace-Aktivist, der mit dem Gleitschirm ins Stadion trudelte. Während die Deutschen früher mit Hingabe verfolgten, wie sich die Greenpeace-Schiffe namens Rainbow Warrior in den Weltmeeren mit Atom-U-Booten und Öltankern anlegten, wurde der Regenbogen-Krieger aus der Luft sogleich als Heuchler gebrandmarkt, weil er gegen VW protestierte, obwohl er einen Polo fährt.

          Gay Pride jetzt auch bei jenen, die gegen die Ehe für alle stimmten

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Besser erging es da vor dem Ungarn-Spiel dem Flitzer mit der Regenbogenfahne sowie CDU und CSU, bei denen nun auch diejenigen den Gay Pride in sich entdeckt haben, die noch vor wenigen Jahren gegen die Ehe für alle gestimmt hatten.

          Ein bisschen Kritik gab es aber auch hier: Wenn man es wirklich ernst meine mit dem Regenbogen, müsse man ihn dann nicht das ganze Jahr hochhalten? Tatsächlich ist das schon der Fall. Gerade der Fußball erweist sich bei genauem Hinsehen als immerwährender Christopher Street Day. Es fängt schon auf der Tribüne an. Wo sonst reißen sich ungarische Hardcore-Hooligans selbst bei widrigstem Wetter die T-Shirts vom Leib und skandieren „Deutschland, Deutschland, homosexuell“? Das ist genauso verräterisch wie das beliebte deutsche Smalltalkthema, wer denn nun in der Nationalmannschaft „beidseitig bespielbar“ sein könnte.

          Kann man kaum benutzen, ohne rot zu werden.

          Noch verräterischer ist die Fußballsprache. Begriffe wie „Manndeckung“ oder „Freistoß“ kann man ja kaum benutzen, ohne rot zu werden. Aber auch die Verben („direkt nehmen“, „in den Strafraum eindringen“) haben es in sich. Und erst die Adverbalien: „hart“ (verteidigen), „eng“ (am Mann), „tief“ (stehen). Gegen Ungarn sei man „gar nicht in die Tiefe gekommen“, sagte ein enttäuschter Joshua Kimmich, oder, wie Sandro Wagner ihn nennt: Josh.

          Was wirklich zählt, ist freilich „auf dem Platz“. Da allerdings bestätigt sich der Befund. Man fragt sich jedenfalls schon, wie ausgerechnet ein Sport, bei dem selbst im Lockdown stets frisch frisierte Männer nach jedem Tor übereinander herfallen und ein Torwarttitan verlangt „Eier, wir brauchen Eier“, je als letzte Bastion der abendländischen Heterosexualität rezipiert werden konnte.

          Mit Rumpelfüßen zur Pediküre

          Lange gelang es zumindest den Deutschen, die Illusion durch ihre Spielweise aufrechtzuerhalten. Wer technisch nicht mindestens so schlecht war wie Hans-Peter Briegel, der galt, straight gesagt, als schwul. Gottlob hat sich das geändert. Heute gehen die deutschen Spieler mit ihren Rumpelfüßen zur Pediküre und tanzen danach ihre Gegner aus. Immer dann, wenn der FC Bayern besonders gut spielt, wird er „das weiße Ballett“ genannt. Für Franz Beckenbauer kam das zu spät. Als der schöne Balletttänzer Rudi Nurejew ihm einst in New York seine Hand aufs Knie legte, musste er ihm noch sagen: „Rudolf, sei mer ned bös ... ich gehöre einer anderen Fakultät an.“

          Apropos Fakultät: Michel Foucault würde sagen, das Spielfeld sei ein „Andersort“. Sprich: Einschlägige Verhaltensweisen wie den Gegner in Hals oder Schulter zu beißen legt man außerhalb sofort ab. Aber weit gefehlt! Wer je in einer Kreisligamannschaft gekickt hat, weiß, dass es in der Kabine munter weitergeht. Gerade diejenigen, die eiskalt duschen, um ihre Männlichkeit zu dokumentieren und zugleich zu unterdrücken, merken schnell, dass es einem, wenn sich der Nebenmann zu einem dreht, warm ums Herz werden kann: ohne Initiationsriten kein Teamgeist.

          Aus dem Tierreich ist gut dokumentiert, dass Männchen dahin gehen, wo sie die besten Paarungschancen erwarten. So ist es auch bei den Menschen. Die einen gehen also in den Club, andere gehen zum Club, wieder andere zur Bundeswehr oder in die AfD. Damit wären wir bei Obersthetero Uwe Junge: die Haut zäh wie Leder, sein Raucherhusten hart wie Kruppstahl.

          Um die Kameraden wuschig zu machen?

          Der ehemalige Soldat und einstige rheinland-pfälzische AfD-Chef hat die Regenbogenbinde von Manuel Neuer als „Schwuchtelbinde“ bezeichnet. Was ein echter Mann ist, hatte er die Welt schon vorher auf Twitter mit einem Foto wissen lassen, das ihn als Warrior mit nacktem Oberkörper und preußischem Schnauzbart zeigt: hot! Es ist freilich nur ein Gerücht, dass Junge ein U-Boot in der AfD ist, eingeschleust vom Verfassungsschutz, um die Kameraden wuschig zu machen und so die Kampfmoral der Partei zu zersetzen.

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