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Glitschiges Gleichnis: Die Söderisten in der CDU hätten eine andere Metapher nehmen sollen. Vielleicht etwas mit einem Weißen Hai? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Söder als Köder?

Die Fisch-Metapher hatte einen Haken. Sogar „Die Lady Di der CSU“ ist besser. Zur Drama-Queen aber krönte sich Robert Habeck.

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          Woran erkennt man zuverlässig, dass es in der Politik bitterernst wird? Wenn in den Debatten der Gebrauch von Metaphern und lieblichen Begriffen so steil ansteigt wie die Umfragewerte der Grünen. Und über die wurde in den vergangenen Tagen ja ebenfalls schier Unglaubliches behauptet.

          Berthold Kohler
          (bko.), Herausgeber

          Doch beginnen wir mit dem Bruderkrieg der Schwesterparteien. Das größte Kaliber unter den verschossenen Metaphern hatte das bei den Söder-Anhängern in der CDU sehr beliebte Wurm-Gleichnis: Der Köder müsse dem Fisch schmecken und nicht dem Angler – der Kanzlerkandidat also dem Wähler und nicht der Parteispitze der CDU in ihrem Hinterzimmer.

          Damit wollten die Söderianer in der CDU uns Fischen sagen, dass nicht einmal die dümmsten Karpfen anbissen, wenn die Union Laschet ins Wasser werfe. Falls wir Schleien und Rotaugen es aus Furcht vor der Kirke am anderen Ufer doch täten, würden wir so würgen und spucken, dass wir auch später nie mehr nach etwas Laschem schnappten.

          In der CSU hätte das keiner gewagt

          Nun kann man sich beim Wettangeln die Fishermen’s Friends nicht aussuchen. Ob der CSU-Chef aber glücklich über dieses glitschige Bild war? Söder mit einem Köder zu vergleichen, das hätte man in seiner eigenen Partei so wenig gewagt wie den Verstoß gegen die Parteisolidarität, für den er die „vielen mutigen Abgeordneten“ in CDU lobte. Es weiß doch zumindest jeder Angler, was der Haken an dem Köder ist: ebendas – jedenfalls aus Sicht des Fisches – fiese Ding, das in ihm steckt.

          Als Faustregel gilt: Je größer der Köder, desto größer auch der Haken. Wir hätten den Söder-Fans daher eine andere Metapher empfohlen. Gerade in Franken hätte man ja sogar noch glauben können, der Máximo Líder wäre mit einem Hund verglichen worden. Eindeutiger gewesen wäre etwas mit einem Weißen Hai und einem Hering.

          Am besten aber hätten die Söderisten unsere Gedanken in eine ganz andere Richtung gelenkt. Warum nicht hin zu den mächtigen Mythen der Menschheit? Zum Streben nach der Unsterblichkeit im Gilgamesch-Epos; zur List mit dem Trojanischen Pferd in der Ilias; oder zum Verrat im Nibelungenlied, in dem ja auch einem vom Volk geliebten Helden von hinten der Speer durch die breite Brust getrieben wurde – von einer Art frühem Parteifunktionär. Wo blieb wenigstens eine Dolchstoßlegende 2.0 für die unzähligen neuen Digitalmitglieder, die vor Laschet in den Süden flüchten?

          Doch leider hat auch die CSU keinen Homer mehr, nicht einmal einen halben. Söders getreuer Eckart, sein Generalsekretär Blume, mühte sich zwar redlich im Minnesang, als er den Chef zum „Kandidaten der Herzen“ kürte. Seehofers hyperventilierendes Kichern hörte man danach freilich bis nach Frankfurt. Denn wer dachte bei dieser blumigen Bezeichnung nicht sofort an die erste Titelträgerin, die Prinzessin der Herzen? Söder – die Lady Di der CSU? Richtig gut ging das mit Diana nicht aus. Andererseits wurde sie dadurch zur Legende.

          Ein bisschen Mitgefühl für Habeck

          Söder konnte sich nach seiner Abdankung als Kandidat aber nicht einmal mit dem Titel Drama-Queen trösten. Den holte sich keine 48 Stunden später der andere große Verlierer der Woche. Eigentlich wollten wir schreiben: der Grünen-Beau Habeck. Aber der will ja nicht länger über sexistische Zuschreibungen beschrieben werden, sondern über seine Leistungsbilanz.

          Ein bisschen Mitgefühl wird man als Mann aber doch noch für einen Geschlechtsgenossen haben dürfen, dessen Lebenstraum platzte, weil „wir noch nicht einer Gesellschaft leben, in der Gleichberechtigung verwirklicht ist“. Das ist die Kernstelle des Interviews im Zentralorgan des grünen Bürgertums, dem Habeck am „schmerzhaftesten Tag in meiner politischen Laufbahn“ in größter Ausführlichkeit sein verwundetes Herz ausschüttete.

          Dahinschmelzen wie Zartbitterschokolade

          Diesen Schicksalstag nannte er „bittersüß“. Da kann man als Leser und Fisch doch nur dahinschmelzen wie Zartbitterschokolade in der Sonne! Wann sagte jemals ein Grüner „Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen.“ Habecks Schrei nach dem Dienendürfen hat in Verbindung mit seinem Verzicht die Größe von antikem Heldentum. Schon bei Horaz, wie Habeck Philosoph, hieß es, wenn Opfer für eine größere Sache nötig waren: Dulce et decorum est pro patria mori. In einer zeit- und parteigemäßen Übersetzung heißt das: Süß und bitter ist es, für Annalena zu leiden.

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