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Fraktur : Der Haken an der Haltung

Aufrecht: Die Evolution kennt scheinbar nur eine Richtung. Bild: LookatSciences/laif

Standhaftigkeit kann in der Politik ziemlich weh tun, wie nicht nur der Fall SPD zeigt.

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          Es gehört zu den großen Tragiken des menschlichen Daseins, dass die Qualitäten, die es braucht, um sich irgendwo zu halten, zum Beispiel oben, oft ganz andere sind als die, die nötig sind, um erst einmal da hinzukommen. Jeder Casanova merkt das, wenn er plötzlich bei seiner neuesten Eroberung den Müll rausbringen oder auf die Kinder aufpassen soll. Aber auch in der SPD ist das Problem sehr präsent.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Wie kommt man überhaupt nach oben? Fachwissen wäre nicht schlecht, auch: Charisma oder zumindest Emotionalität, wie Kevin Kühnert sie nun sogar von Olaf Scholz gefordert hat. Auch gutes Aussehen wie bei Franziska Giffey oder Björn Engholm soll von Vorteil sein, solange es nicht so gut ist, dass die anderen es nicht mehr als Ansporn, sondern als weiteren Beweis für die Gerechtigkeitslücke in unserem Land sehen. Das alles Entscheidende ist aber: Haltung. Der Begriff kommt aus der Anatomie; über die Wendungen „aufrechter Gang“, „gerades Kreuz“, „Rückgrat zeigen“ und „für etwas geradestehen“ hat er es aber sehr schnell ins Charakterfach geschafft und ist so zum Kriterium schlechthin geworden, das den Menschen im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn von seinen Verwandten im Tierreich unterscheidet, die in Millionen von Jahren zwar allerlei Fertigkeiten wie Balzen oder Lausen entwickelt, aber es bis heute nicht hinbekommen haben, auf zwei Beinen zu stehen.

          Haltung hat aber Haken. „Lieber gestanden arm sterben als reich leben auf Knien“, singt der Rapper Casper. Das kann man auch ganz anders sehen. „Arm“ ist schon mal nicht gut – und „sterben“ erst recht nicht. Die SPD weiß das. „Haltung zeigen“ und mehr noch „Haltung haben“ kann sehr unkommod sein oder sogar gefährlich. Im Bundestag ist die SPD sehr kritisch gegenüber dem chinesischen Konzern Huawei aufgetreten – auf ihrem Parteitag darf der Telekommunikationsausrüster nun Sponsor sein. Auweia! Die Konservativen pflegen solche Glaubwürdigkeitsfallen elegant zu umgehen. Sie üben erst gar keine Kritik an Tabak- oder Waffenproduzenten, dann müssen sie sich nachher auch nichts anhören, wenn die nämlichen Unternehmen Stände auf ihren Parteitreffen betreiben.

          „Nicht aufgeben“ kann heutzutage ja alles heißen

          Ach, hätten sich die SPD-Newcomer Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken doch nur ein Beispiel daran genommen! Sie konnten im parteiinternen Ausscheidungsrennen vor lauter Haltung kaum laufen – und waren doch noch schneller als die anderen. „Groko-Tod oder Tod!“ war die unausgesprochene Devise ihrer Kampagne, in der Esken den Genossen Scholz zunächst nicht als „standhaften Sozialdemokraten“ durchgehen lassen wollte. Wobei Standhaftigkeit eine interessante Kategorie ist für eine Partei, deren Motto sich seit je eher am Liegen als am Stehen orientiert: „von der Wiege bis zur Bahre“.

          Und jetzt? Walter-Borjans sagte der „SZ“: „Wir werden die klaren inhaltlichen Aussagen, die zu unserer Wahl geführt haben, nicht aufgeben.“ Aus dieser Nummer könnte er vielleicht noch herauskommen. Denn „nicht aufgeben“ kann heutzutage ja alles heißen, auch, dass er die inhaltlichen Aussagen nicht bei der Post als Paket aufgeben wird. Schwieriger wird es bei der Ankündigung, die SPD binnen eines Jahres auf 30 Prozent zu führen. Das ist zu gut nachprüfbar. Leute, die das politische Handwerk wirklich verstehen, machen solche Ankündigungen entweder gar nicht – oder sie datieren sie auf 2050 plus. Das lässt sie einerseits als Visionär erscheinen, außerdem sind sie dann eh längst aus der Politik ausgeschieden oder gar schon gestanden arm gestorben.

          Was also tun, um aus der Glaubwürdigkeitsfalle zu kommen? Esken und Walter-Borjans könnten Kant bemühen: Der Mensch ist nun mal „ein krummes Holz“, na und? Oder sie könnten sich ein Beispiel an Markus Söder nehmen. Der würde in ihrer Lage die Flucht nach vorne antreten: „Handlung statt Haltung!“ Eskens auf dem Parteitag dargebotenes Credo „Wir kehren nicht mehr um, wir blicken auch nicht mehr zurück“ könnte schon ein erster Schritt nach vorne gewesen sein. Sie will das Klimathema anpacken. Vielleicht weist ihr das den Ausweg aus ihrem Dilemma. Haltung verhält sich nämlich zur Meinung wie das Klima zum Wetter. Und was tut das Klima? Es wandelt sich.

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