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Fraktur : Der größte Coup der „Autonomen“

Autonomer Randalierer: Und der himmlische Vater nährt sie doch Bild: Wilhelm Busch

Was noch ihre militärischen Erfolge auf den Hamburger Schanzen in den Schatten stellt.

          Neulich, beim Anblick der Rauchschwaden über Hamburg, fiel uns wieder das Wort Jesu aus dem Evangelium nach Matthäus ein, das zu so vielen Situationen des Lebens passt: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch.“ Doch natürlich wollen wir den schwarzen Schwarm, der wie eine biblische Plage über die Autonome und Hansestadt Hamburg kam, nicht mit einer Krähenkolonie oder anderen unschuldigen Flattermännern vergleichen. Die Parallelen wären doch ziemlich schief.

          Denn gesät haben diese apokalyptischen Gestalten ja reichlich, wenn auch nur das eiserne Korn der Gewalt. Und ihre Ernte, das Plündergut, müssen sie auch irgendwo hingeschleppt haben. Insofern kann man dann aber doch sagen, dass der himmlische Vater auch sie nährt, selbst wenn einem das, wie so oft, ziemlich merkwürdig vorkommt. Die Entscheidungen und Wege des Herrn sind einfach unergründlich. Das gilt auch für die Prüfungen, die er uns auferlegt, und seien es fast vergessene wie Jutta Ditfurth.

          Wir wollen daher auch nicht recht glauben, dass die „Autonomen“ von selbst auf die göttliche Idee kamen, sich „Autonome“ zu nennen. Damit ist ihnen auf dem Schlachtfeld der politischen Semantik ein Coup gelungen, der noch ihre militärischen Erfolge vom vergangenen Wochenende auf den Hamburger Schanzen in den Schatten stellt. Dort führten die „Autonomen“ in beeindruckender Weise aller Welt vor, dass es weit präzisere Berufsbezeichnungen für sie gäbe: Nichtsnutze, Extremisten, Diebe, Brandstifter, Straßenkämpfer, Plünderer, Marodeure, Heckenschützen, Hooligans.

          Aber natürlich klingt das alles nicht so zivilisiert, altgriechisch und urdemokratisch wie „Autonome“, weswegen auch die Politik und der Journalismus nur ungern von diesem Wort lassen. Wie links und frei tönt in unseren Ohren erst der liebliche Begriff „Linksautonome“! Eine vornehme Stadt wie Hamburg duldet selbstverständlich auch lieber ein „Autonomes Kulturzentrum“ als eine Welcome-to-hell-no-go-area, in deren rechtsfreie Räume sich kein Polizist mehr wagt. Man will die sagenhafte Autonomie der Bewohner ja auch nicht stören, diese friedliebenden Menschen gar zur Notwehr mit Molotowcocktails zwingen. Da könnte man sie auch gleich dazu auffordern, sich an die Gesetze zu halten und Steuern zu zahlen.

          Kein Burgfrieden um den eigenen Horst

          Nein, erst so eine Oase der Anarchie zeigt, wie liberal und tolerant ein Gemeinwesen wirklich ist. Hin und wieder ein abgefackeltes Auto in einem Nobelviertel – diesen Preis zahlt die moderne Stadtgesellschaft auch andernorts inzwischen, ohne mit der Wimper zu zucken. Dafür weiß sie edle Wilde in ihren Mauern, die das freie, ungezwungene Leben führen, von dem die Pfeffersäcke in ihren Ferienhäuschen auf Sylt und Ibiza nur träumen können. Dass die wahren „Autonomen“ jetzt auch ihren eigenen Kiez verwüsteten, ging aber sogar ultraautonomen „Autonomen“ ein bisschen zu weit. Selbst die Raubvögel des Tierreichs kennen schließlich so etwas wie einen Burgfrieden um ihren Horst herum.

          Freilich war der G-20-Gipfel eine ganz außerordentliche Provokation, mit der unsere ausgebuffte Kanzlerin, sie war so autonom, schon den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD dazu zwang, sich für ihre Entscheidungen zu entschuldigen; der aktuelle Herausforderer scheint sie nicht auszulasten. Wir hatten es hier also mit einer Ausnahmesituation zu tun. So der Senat jetzt nicht durchdreht, fällt unsere Prognose für den sozialen Frieden in Hamburg daher durchaus positiv aus.

          Wenn die Scherben zusammengekehrt sind und die Schäden mit Steuergeldern auch aus weit langweiligeren Bundesländern beglichen, dann werden die autonomen und nichtautonomen Einwohner der Hansestadt schon wieder zu der friedlichen Koexistenz zurückfinden, in der die unvermeidliche Anwendung von Gewalt – eine Minderheit hat schließlich das Recht auf Wahrung ihrer kulturellen Identität – strikt auf Sachen begrenzt bleibt. Und dann werden nur noch Putin, Erdogan und ein paar andere starke Männer den lebhaften politischen Diskurs, der ihnen in Hamburg vorgeführt wurde, als Beleg für die Schwäche und die Wehrlosigkeit der westlichen Demokratien missverstehen.

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