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Nach ihm die Sintflut: Steckt vielleicht Boris Johnson hinter dem Kloraub? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Der Abort ist fort

Nach ihm die Sintflut: Ob Boris Johnson auch hinter dem Diebstahl des goldenen Klos steckt?

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          Aus den vielen Schreckensmeldungen der vergangenen Woche, selbst jenen britischen Ursprungs, ragt eine ganz besonders heraus: der Diebstahl des goldenen Klobeckens aus Blenheim Palace in Oxfordshire. Denn schockierend ist an dieser Nachricht ja nicht allein, dass Diebe in das Geburtshaus Winston Churchills einbrachen und es bei der unsachgemäßen Deinstallation der Schüssel unter Wasser setzten, als seien die Polkappen bereits abgeschmolzen. Als really shocking empfinden wir, dass die Nachfahren des legendären Premierministers, der seinen Landsleuten doch Blut, Schweiß und Tränen versprochen hatte und nicht goldene Aborte, das Aufstellen des Achzehnkaräters an dieser Weihestätte zugelassen und ihn auch noch zur massenhaften Benutzung durch das gemeine Volk freigegeben hatten. Im Guggenheim Museum, wo das sogenannte Kunstwerk zuvor stand, nahmen mehr als hunderttausend Menschen diese Möglichkeit wahr, die allerdings auf drei Minuten begrenzt werden musste wegen des offenbar großen Bedürfnisses, sich einmal wie Donald Trump fühlen zu können. Letzterer soll nach einem Bericht der „Washington Post“ allerdings das Angebot des Museums ausgeschlagen haben, das Goldklo als Leihgabe im Weißen Haus anzuschließen. Das klingt angesichts der Schwäche Trumps für derart dekadenten Tand zugegebenermaßen nach Fake News, soll aber wirklich wahr sein.

          Doch zurück zum Frevel von Blenheim Palace. Der Abort ist fort. Könnte es aber sein, dass die Diebe das Becken nicht aus den üblichen Motiven gestohlen haben? Sondern verhindern wollten, dass ihr Land mit einem weiteren nach hinten losgehenden Spektakel auffällt? Vielleicht wollten die Kloräuber aber auch nur den amerikanischen Traum der unbegrenzten Möglichkeiten ganz ungestört (und zeitlich unbegrenzt) auf dem eigenen Örtchen träumen. Denn mit dem europäischen Traum ist es für die Engländer ja bald vorbei. Wenn sie glauben sollten, schon der sei ein Albtraum gewesen, werden sie sich noch wundern.

          Wir Resteuropäer dagegen haben in Zukunft sogar einen Kommissar, der über den „European Way of Life“ wacht. Er soll „schützen, was Europa ausmacht“. Diese Jobbeschreibung wirft natürlich die Frage auf, was denn das Europa Ausmachende ist. Ganz sicher gehört dazu die Aufregung, die entstand, als „Protecting the European Way of Life“ ins Deutsche übersetzt wurde mit „Schutz der europäischen Lebensweise“. Da erhob sich bei den europäischen Linken ein Shitstorm, als hätte die neue Kommissionspräsidentin ein vergoldetes Steak gegessen und dabei nicht von Lebensweise, sondern von Lebensraum gesprochen – bei den Deutschen kann man ja nie wissen.

          Man witterte und twitterte, dass eine Anbiederung bei den Rechtspopulisten vorliege. Dabei hatte Ursula von der Leyen nur das übliche Gedöns gemeint, also Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und so weiter. Ob man damit aber die europamüden Bürger noch hinter dem Klo hervorlockt? Etwas konkreter müsste sie schon werden. Typisch für die deutsche Lebensweise ist es doch etwa, jedes Problem, und sei es der globale Klimawandel, ganz ruhig und bedächtig anzugehen, wie es ja auch die jüngste Nachtsitzung der Koalition zeigte. Unserer Leitkultur sind Hype und Hysterie vollkommen fremd.

          Das muss auch so bleiben! Diese Gelassenheit verbindet uns zum Beispiel eng mit den Polen, die erst jetzt darüber nachdenken, für die polnischen Teilungen Reparationen zu verlangen. Auch die Griechen sind in verschiedener Hinsicht die Ruhe selbst. Dass sie nun einen Teil ihrer Schulden vorzeitig zurückzahlen wollen, sollte man nicht überbewerten; das legt sich wieder.

          Zur Wahrung der homogenen europäischen Lebensweise ist es also eigentlich ganz gut, dass diese sprunghaften britischen Exzentriker unsere Wertegemeinschaft verlassen, ob mit Goldklo oder ohne. Wir vermuten ohnehin, dass Boris Johnson auch hinter dem Kloxit steckt. Denn erstens tut er alles dafür, um in einem Atemzug mit Churchill genannt zu werden. Zweitens wäre das nicht sein erster Griff in die Toilette. Und drittens entspräche die Rücksichtslosigkeit des Vorgehens, siehe Wasserschaden, exakt seinem Motto: Nach mir die Sintflut.

          Bei der Kombination Johnson/goldenes Klo fällt uns übrigens wieder der Witz mit dem Betrunkenen und der Trompete ein. Aber den können wir hier aus mehreren Gründen nicht zum Besten geben. Nicht der geringste darunter ist, dass auch Johnson einen Abschussbefehl für Drohnen und Marschflugkörper erteilen kann.

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