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Fraktur : Das zentrale Thema

Mut statt Mutti: Furchtlose Küken vor dem großen Sprung. Bild: Getty

Mut ist immer das, was den anderen fehlt.

          2 Min.

          In einem Land, das so reich ist wie dieses und in dem es von fast allem eher zu viel gibt als zu wenig – inzwischen angeblich mehr Hautcreme-Sorten als Hartz-IV-Empfänger –, tun sich die Parteien vor der Wahl schwer, irgendwelche Mängel zu identifizieren. Die einen sagen, es mangele an Glasfaserkabeln auf der Schwäbischen Alb, andere vermissen die große Erzählung fürs Ruhrgebiet, wieder andere verlangen Neugeborene, und zwar aus deutscher Produktion, was freilich am Fachkräftemangel scheitern dürfte. (Samen aus Skandinavien sollen deshalb gezielt angeworben werden.)

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Doch das eine große Thema, so heißt es immer wieder, das fehle dem Wahlkampf 2017. Das stimmt nicht. Das zentrale Thema ist der Mut mit seiner Kehrseite, der Angst und der Verzagtheit. Hier führend: die Linken, die einst bekannt dafür waren, noch für jedes gesellschaftliche Großexperiment offen zu sein, dabei heroisch in Kauf nehmend, dass es auch mal im Totalitarismus enden kann. Nun verlangen sie auf ihren Plakaten einen „sicheren Job“ und ein „planbares Leben“. Was würde wohl Che Guevara dazu sagen, der Tollkühne, der den Tod anderer noch weniger fürchtete als seinen eigenen?

          Schon mutiger: die Grünen. Allein, dass sie überhaupt antreten, und dann auch noch mit Katrin Göring-Eckardt. Die weiß als Protestantin, dass aus einem verängstigten Popo kein wind of change kommen kann. Daher das Plakat: „Für Mut gegen Armut.“ Wer vor so einem Wortspiel nicht zurückschreckt, den kann weder der Klimawandel noch die Geißel des 21. Jahrhunderts, der Diesel, erschüttern. Allenfalls die Freien Wähler. „Mut statt Mutti“ haben sie ohne Furcht, sich lächerlich zu machen, auf ihre Plakate gedruckt. Dabei ist Mutti selbst nicht verzagt. Einem Studenten iranischer Abstammung, der jüngst in einer Wahlsendung, von denen es inzwischen noch mehr als Hautcreme-Sorten gibt, zunehmenden Rassismus in der Bevölkerung beklagt hatte, riet sie, er solle sich seinen „Schneid nicht abkaufen“ lassen. Man kann dem jungen Mann nur Glück wünschen, wenn er künftig versucht, sich gegen rechtsradikale Pöbler mit demselben Blick zu wehren, den Merkel in brenzligen Situationen gegen Horst Seehofer anwendet.

          Wir wissen inzwischen, dass nicht alle Einwanderer Akademiker werden können. Aber eins haben sie in vielen Fällen bewiesen: Mut. Den Mut, ihre Heimat zu verlassen, sich auf eine bestenfalls ungewisse Reise zu begeben. Das müsste die mutwilligste Partei unter allen, die AfD, eigentlich gut finden. Über ihre Spitzenkandidatin Alice Weidel heißt es im Wahlwerbespot: „Ich hab mich einiges in meinem Leben getraut, meinen Job an den Nagel gehängt, um Politik zu machen: für die AfD.“ Da können die Flüchtlinge, die mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer gekommen sind, natürlich nicht mithalten: Sie hatten ja oft gar keinen Job, den sie an den Nagel hätten hängen können, geschweige denn Nagel und Wand, und mithin eh nichts zu verlieren.

          Jeder ein kleiner Stauffenberg

          In dem AfD-Spot wird noch dreimal das Thema Mut angesprochen, in den Variationen „Mutbürger“ und „sich trauen“. Auch auf den Wahlplakaten ist das Thema präsent. Die Botschaft ist klar: Jeder, der bei der AfD sein Kreuz macht, jeder, der Merkel auf einem Marktplatz niederbrüllt oder am Strand drei fröhlichen Frauenpopos im Bikini hinterherpfeift, darf sich wie ein kleiner Stauffenberg fühlen.

          Mut ist immer das, was den anderen fehlt. Aber wenn ihn wer wirklich hat, dann die Löwenherzen von der FDP: Christian Wolfgang Lindner und Wolfgang Kubicki. Manchmal müsse ein ganzes Land vom Zehnmeterbrett springen, sagen sie – und neu denken sowieso. Lindner wusste das schon vor zwanzig Jahren, als er noch Schüler und Start-up-Unternehmer war. In einem kleinen Filmchen von damals beschreibt er Probleme als „dornige Chancen“ und lobt „Kompetenz, die nicht akademisch domestiziert ist“. Das ändert in der Tat alles: für die AfD, die, wie Weidel doch tatsächlich zu behaupten wagte, „das höchste Akademisierungsniveau“ hat; für Martin Schulz, dem sein Mangel an Abitur vielleicht auf der Zielgeraden noch zum Bonus werden könnte; und für Deutschland, dem gar nichts Besseres passieren konnte, als möglichst viele Einwanderer zu bekommen, die eine ganz neue, hin und wieder vielleicht auch undomestizierte Art zu denken aus ihrer Heimat mitgebracht haben.

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