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Heulen und Zähneklappern? Nein, Mund abputzen und einen Stürmer einbürgern! Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Gerupftes Huhn in Regenbogenfarben

Das Ausscheiden in Qatar hat auch positive Aspekte. Und mit dem Doppelpass lösen wir unser Stürmerproblem.

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          Am Tag nach unserem abermaligen WM-Waterloo ist natürlich die Versuchung groß, in Weltuntergangsstimmung zu versinken, also etwa so wie die Totenschädel im Sand auf Eugen Brachts Gemälde „Gestade der Vergessenheit“. Weil nun überall Heulen und Zähneklappern zu hören ist, wollen wenigstens wir an dieser Stelle darauf hinweisen, dass unser frühes Ausscheiden in Qatar auch positive Aspekte hat.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Erstens können unsere Kicker bis zum Bundesligastart in Ruhe darüber reflektieren, worum es beim Fußballspielen wirklich geht. Zweitens kann Jogi Löw sich nun befriedigt irgendwo kraulen und sagen: An mir hedd’s also ned glega! Drittens muss sich das ZDF nicht mehr sorgen, dass einem Kommentator in einer emotionalen Phase noch so ein rassistischer Spruch rausrutscht wie der über die Bademäntel.

          Vielleicht wie ein Kamikaze-Pilot

          Viertens brauchen sie sich im Kanzleramt nicht länger mit der Frage zu quälen, was sie dem Chef empfehlen sollen, wenn Deutschland ins Endspiel kommt. Beim Finale müsste er die „One Love“-Binde ja doch noch etwas spektakulärer in Szene setzen, als es seine Innenministerin beim ersten Spiel tat. Er müsste sie sich, so das Haus der Geschichte sie ihm als Leihgabe überlässt, vielleicht um die Stirn winden wie ein Kamikaze-Pilot. Das wäre aber natürlich nur dann möglich gewesen, wenn wir nicht wieder auf unseren neuen Angstgegner gestoßen wären.

          Und schließlich können wir mit etwas diplomatischem Geschick unser Scheitern dem ebenfalls ausgeschiedenen Fußballzwerg Qatar ja als einen Akt der Solidarität und der Reue verkaufen. Mit seinem Gasversorger sollte man es sich nicht auf Dauer verderben.

          Unseren geknickten Fußballern aber rufen wir jetzt ihre eigene alte Weisheit zu: Aufstehen und Mund abputzen (nicht zuhalten)! In knapp zwei Jahren steht uns die Heim-EM ins Haus. Da stellt sich jetzt auch ganz dringend die Frage: Wo sollen wir bis dahin einen Mittelstürmer herbekommen, wo einen Abwehrchef, der den Namen verdient?

          Auf die segensreichen Wirkungen des Gute-Kita-Gesetzes können wir nicht warten, wir brauchen viel schneller Heldennachschub. Innen- und Sportministerin Faeser hat dafür die Lösung: Expresseinbürgerung!

          Würde Ronaldo an Musiala abspielen?

          Selbst die Altstars Ronaldo und Lewandowski würden uns ja noch enorm helfen. Allerdings, das hat die CDU noch nicht begriffen, müssten dafür die Wartefristen noch ein bisschen verkürzt werden, es pressiert ja. Ganz durchdacht ist auch die Sache mit dem Doppelpass noch nicht, womit wir nicht die Frage meinen, ob Ronaldo auch mal an Musiala abspielen würde, sondern das Problem Staatsan- und Verbandszugehörigkeit.

          Derzeit müssen multinationale Spieler sich ja noch für eine Nationalmannschaft entscheiden, mit der sie dann bis zum bitteren Ende verbunden bleiben. Wäre es da nicht im Sinne der Völkerverständigung und der Menschenrechte (Artikel 2 und 12 GG), wenn großartige Spieler mal mit diesen, mal mit jenen Farben antreten könnten? Vielleicht sogar, wie bei Abschiedsspielen erfolgreich erprobt, in der ersten Halbzeit für das eine Team, und, je nach Spielverlauf, in der zweiten für das andere? Dafür müssten zwar die Regeln der FIFA etwas geändert werden, aber die Ausgaben dafür kann die sich ja locker leisten.

          Die Modernisierung des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts bis hin zu dessen Abschaffung lässt ohnehin auch das Konzept der Nationalmannschaft recht muffig aussehen. Wenn unsere deutsch-türkisch-polnischen Kicker künftig drei Pässe in ihrem Kosmetikbeutel stecken haben, sollten wir eher von einer Nationalitätenmannschaft sprechen. Mit dem Adler auf den Trikots wäre es dann natürlich vorbei. Aber wir haben ja schon ein Logo, das besser zu uns passt. Auch eine Kombination aus alt und neu wäre denkbar: gerupftes Huhn in Regenbogenfarben. Nicht einmal die FIFA könnte uns verbieten, es auf dann sicher wieder stolzgeschwellter Brust zu tragen.

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