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Ausgerastet: Oder doch nur ein Akt der Selbstverteidigung? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Chemnitz ist überall

Vom Bürger zum Berserker: Der Deutsche rastet nicht nur auf Sachsens Straßen aus.

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          Wer rastet, der rostet. Aber wer ausrastet, ist normal, jedenfalls dann, wenn es vorher ein Verbrechen gegeben hat und der hinzugezogene psychiatrische Gutachter Gauland heißt. Insofern ist es auch nur normal, dass die AfD ausrastet, weil der Allgemeine Deutsche Automobil-Club in einer zeitgemäßen, also etwas wirren Werbekampagne behauptet, nicht deutsch zu sein – und diese Aussage auch noch mit der Sprengung eines Gartenzwergs unterstreicht, dem deutschesten aller deutschen Symbole. Der Gnom war zwar nicht aus Fleisch und Blut, sondern nur aus Ton oder Gips, aber auch so schafft Deutschland sich ab, Zwerg für Zwerg und Verein für Verein.

          Der ADAC ist bei der Selbstabschaffung schon so weit, dass er gar nichts mehr sein will, nicht allgemein, nicht deutsch, nicht automobil und auch nicht mehr Club. Das ist andererseits vielleicht gar nicht so schlecht, denn wenn er komplett weg ist, könnten all jene wieder einrasten, die aus Wut über diesen „Anti-Deutschen Automobil-Club“ am liebsten das Auto oder Motorrad ihres Nachbarn bis auf die Fußrasten demolieren würden.

          Nirgendwo, abgesehen von den Schlachtfeldern im Internet, rastet der Deutsche nämlich so gerne und grenzenlos aus wie auf der Straße. Es ist wirklich ungerecht, jetzt nur die Chemnitzer an den Pranger zu stellen. Chemnitz ist überall! Jeder Autofahrer kennt doch die wutverzerrten Gesichter im Rückspiegel, wenn man nicht bei Rot über die Ampel gefahren ist, obwohl es der Hintermann gerade sehr, sehr eilig hat. Oder den Hup-Orkan, weil die Fahranfängerin etwas länger zum Einparken braucht.

          Vom ehrenamtlichen Blockwart zum Berserker

          Neulich erwartete uns an unserem vorschriftsmäßig abgestellten Auto ein Strafzettel, den nicht die Polizei ausgestellt hatte, sondern ein offensichtlich ausgerasteter Zeitgenosse, der auf einem Papiertaschentuch angekündigt hatte: „Das nächste Mal sind die Reifen zerstochen. Lern parken.“ Wir konnten uns trotz mehrstündigen Grübelns nicht erklären, mit welchem Vergehen wir diese – immerhin zur Bewährung ausgesetzte – Strafe auf uns gezogen hatten. Nach Gaulands Erläuterung durchzuckte uns aber ein schrecklicher Gedanke: Es wird vor der Ausrastung, der beinahe unsere unschuldigen Reifen zum Opfer gefallen wären, doch nicht in der Umgebung eine Bluttat gegeben haben?

          Aber nein, wie wir wissen, reicht es in Deutschland ja schon, dass einer seine Kehrwoche-Pflichten vergisst, um die übrige Hausgemeinschaft oder wenigstens die ehrenamtlichen Blockwarte zu Berserkern werden zu lassen. Vielleicht ist das Ausrasten in Extremsituationen also nicht nur normal und legitim (Gauland), sondern sogar Teil unserer Leitkultur? Könnte man nicht auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Cholerische in uns verantwortlich sind? Dann hätte Sarrazin schon das Thema für seinen nächsten Bestseller. In jedem Fall wären die größten Misserfolge unserer tausendjährigen Geschichte ohne ein gewisses Ausrasten nicht möglich gewesen. Richtig ausrasten kann eben nicht jeder. Die Österreicher etwa kommen über das Auszucken nicht hinaus. Man kann also durchaus zu dem Schluss kommen: Ich raste aus, also bin ich deutsch.

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