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Fraktur : Blaues Wunder

Tu felix Germania: Oder war auch damals bei Schröder schon eine Russin im Spiel? Bild: Wilhelm Busch

Bist du deppert: Machtbesoffenheit gibt es nicht nur in Österreich!

          Dass die Österreicher ein besonders Verhältnis zum Alkohol haben, weiß man nicht erst, seit Hans Moser eine Reblaus sein wollte. Schon zu Mozarts Zeiten waren an der schönen blauen Donau Wein, Weib und Gesang so untrennbar miteinander verbunden wie die Milch und der Kaffee in einer Melange. Man mag sich gar nicht ausmalen, was für dramatische Folgen es für die österreichische Kultur und Lebensart gehabt hätte, wenn der polnische König Sobieski 1683 Kara Mustafa Pascha nicht aus den Weinbergen am Kahlenberg vertrieben hätte. Bei der Attacke auf die türkischen Linien haben bestimmt auch die polnischen Reiter an das Vergnügen gedacht, ab und zu ein paar Liter Blaufränkischen zu tanken, was unter osmanischer Herrschaft nicht mehr ganz so unproblematisch gewesen wäre.

          Auch spätere Allianzen zur Verteidigung des Abendlandes wie die von ÖVP und FPÖ sind sicherlich nicht bei einem Viertel Pfefferminztee geschmiedet worden. Wein war nicht nur, aber ganz besonders im mit göttlichen Tropfen gesegneten Österreich schon immer ein beliebter Schmierstoff, wenn in der Politik schwierige Dinge in Gang gebracht werden mussten. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass Heinz-Christian Strache auf das Verständnis seiner Landsleute setzte, als er den auf Ibiza versuchten, aber gescheiterten Verkauf Österreichs an die Russen „eine b’soffene G’schichte“ nannte.

          Ganz so blau, wie der Ex-Vizekanzler und Ex-Chef der Blauen behauptete, kann er freilich nicht gewesen sein, da er erstens immer noch die Zehennägel des Bist-du-deppert-ist-die-scharf-Lockvogels erkannte und zweitens aufgrund deren Aussehens messerscharf, jedoch tragischerweise nur vorübergehend schloss, dass es sich bei der Sause um eine Falle handeln müsse. Wie Rainhard Fendrich einmal bestätigte, ist man als Österreicher mit sechs Vierteln ja auch no net ang’soff’n, oda? Vielleicht hätten unsere Nachbarn aber einfach nicht das Glykol im Wein durch Red Bull ersetzen sollen. Auch die Kombination von Schnee und Jägertee, die uns, als Wolfgang Ambros sie besang, noch so unverdächtig vorkam, scheint nicht nur beim „Schifoan“ unkontrollierbare Glücksgefühle auslösen zu können.

          Wie dem auch sei: Trunkenheit und Größenwahn beziehungsweise Großzügigkeit torkeln auch in anderen Ländern Hand in Hand, man erinnere sich nur an Chruschtschow, der in gehobener Stimmung die Krim an die Ukraine verschenkte. Diese Wodkaidee hat auch noch nach Jahrzehnten beim Nichttrinker Putin derartige Entzugserscheinungen verursacht, dass der Westen in Sachen Krim sein blaues Wunder erlebte.

          Freilich ist auch in der Politik Rausch nicht gleich Rausch, wie der nunmehrige österreichische Ex-Innenminister Kickl hervorhob, der fein zwischen der „verantwortungslosen Besoffenheit“ seines Parteichefs auf Ibiza – wo mehr Alkohol geflossen sein soll als auf dem Wiener Kongress – und der „nüchternen Machtbesoffenheit“ der ÖVP unterschied. Nüchterne Besoffenheit? In Österreich ist halt alles möglich.

          Von einer besoffenen Machtbesoffenheit würden allerdings auch in Deutschland selbst jene nicht sprechen, die glauben, unsere überaus nüchterne Kanzlerin sei so berauscht von der Macht, dass sie von dieser nicht lassen könne und ihr wenigstens in Brüssel weiter frönen müsse. Auch unserem Vizekanzler würde man die Strache-Nummer ja nicht einmal auf Sylt zutrauen. Stoiber, der wie Strache beinahe Kanzler geworden wäre, hätte bei einer solchen Zusammenkunft allenfalls Lindenblütentee zu sich genommen; schon gar nicht wäre er ohne seine Frau in den Urlaub gefahren, nicht einmal an den Starnberger See.

          Am ehesten könnte man noch im Falle Schröders eine hochprozentige Machtbesoffenheit diagnostizieren. Der Wahlabend, als sich alle fragten, was er vorher getan und zu sich genommen habe, bleibt unvergessen. Ob auch damals schon eine Russin, echt oder vermeintlich, im Spiel war? Ging es da auch um Infrastruktur und eine Zeitung, etwa um eine Gaspipeline und um die F.A.Z.? Schröder hatte jedenfalls keine Skrupel, sich selbst an die Russen zu verkaufen.

          Seit jenem Auftritt halten sich deutsche Politiker auffallend zurück beim Konsum von Wein, Bier und Schnaps. Tu felix Germania? Eine vollkommen alkoholfreie Politik kann auch ziemlich gefährlich sein. Man sieht ja, was der MÖaZ (Machtbesoffenster Österreicher aller Zeiten) angerichtet hat, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er Abstinenzler war.

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