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Fraktur : Berliner Bettgeflüster

Bettgeflüster: Ihr hätten derlei Metaphern vielleicht gefallen. Bild: dpa

Bei der Krisenbewältigung könnte die CDU sich schon etwas geschickter anstellen.

          Alle, die in ihrer Firma schon einmal ein Coaching durchlaufen oder bei der Pfingstgemeinde in ihrer Kleinstadt eine Konversionstherapie ausprobiert haben, dürften wissen, dass die Chinesen nicht nur für Gefängnis und Erziehung sowie für Wahrheit und Partei dasselbe Wort benutzen, sondern auch für Krise und Chance. Die hochfliegenden Grünen dürfte diese fernöstliche Weisheit schockieren – allen anderen Parteien und den Hongkongern gibt sie aber Hoffnung, denn irgendwie stecken sie ja alle in der Krise.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Wie kommt man da wieder heraus? Im Lauf der Jahre haben sich verschiedene Krisenreaktionsmechanismen etabliert, die schon deshalb für Erfolg stehen, weil sie sich etablieren konnten, ohne je irgendwas gebracht zu haben. Ganz wichtig: „keine Personaldebatten“ führen, sich auf „Inhalte“ konzentrieren, „Handlungsfähigkeit“ beweisen, „den Koalitionsvertrag abarbeiten“. Außerdem „zuhören“, die Politik „noch besser erklären“. Nicht schaden kann auch, wenn aus der jeweiligen Partei eine „Mitmachpartei“ gemacht wird, mit „ganz neuen Möglichkeiten der Mitsprache“, über eine „Urwahl“ oder gar übers Internet. Gerne wird gleich eine ganze Parteireform ins Werk gesetzt, mit der die Partei vor allem „jünger, moderner und weiblicher“ gemacht werden soll.

          Mit jung und modern muss man ein bisschen vorsichtig sein, das hat jüngst die „Reaktion“ der CDU auf das Video von Rezzo Schlauch gezeigt. Immer auf der sicheren Seite ist man hingegen mit dem Versprechen, Frauen zu fördern: Da hat man schon fünzig Prozent der Bevölkerung in der Tasche, und zwar über alle Milieus hinweg. Gerade als Mann, der es sowieso schon bis nach oben geschafft hat, kann man sich mit dem Frauenthema mutig und selbstlos vorkommen. Außerdem kann man damit – siehe AfD – ganz subtil die eigene Islamfeindlichkeit ausagieren oder sie in potentiellen Wählern zum Klingen bringen.

          Im Grunde ist das Kind aber schon in den Brunnen gefallen, wenn Parteien auf irgendwas reagieren müssen. Das ist wie früher, als die jungen Leute noch zur Schule gegangen sind: Wenn man sich bei den einfachen Fragen des Lehrers gemeldet hat, kamen bei den schweren die anderen dran. In Ländern wie Amerika oder Russland (diese Aufzählung soll keine Äquidistanz zum Ausdruck bringen) kann das politische Personal durch die Belästigung von Frauen oder die Annexion von Halbinseln neue Themen auf die Agenda setzen und so aus der Defensive kommen. Das ist bei uns in unserer abendländischen Kultur mit christlich-jüdischen Wurzeln leider ein No-Go – Gott sei Dank!

          Etwas geschickter als CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak könnte man es aber schon anstellen. Der versuchte im Nachgang zur Bürgerschaftswahl in Bremen eine Rote-Socken-Kampagne anzuzetteln. Und worüber redete die Republik? Über die Socken des Grünen-Chefs Robert Habeck, in denen sich laut der Recherche einer Kollegin Löcher befinden, was sie bei einer gemeinsamen Zugfahrt beobachtet habe. Das muss diese Authentizität sein, nach der alle streben. Es drängt sich aber auch die Frage auf, ob man jemandem Deutschland und damit sogar Bayern und Baden-Württemberg anvertrauen kann, der nicht mal seine Socken im Griff hat – und ob allen Ernstes ein Mann für den Zusammenhalt der Gesellschaft sorgen soll, der im Bordbistro, wo andere essen wollen, seine Schuhe auszieht.

          Ist jedes Verbot gleich des Teufels?

          Ziemiak twitterte: „Wer mit den Grünen ins Bett geht, der wacht am nächsten Tag in einer Republik auf, in der die Linke regiert.“ Seine Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer stieß ins selbe Horn: „Wer von einer neuen Regierung träumt und Grün wählt, muss wissen, dass er mit der Linkspartei aufwachen kann.“ Die jüngst verstorbene Doris Day („Bettgeflüster“) hätte an derlei Metaphern vielleicht ihre Freude gehabt, der normale Bürger fragt sich hingegen, woher solche Phantasien kommen und was man in Berliner Kreisen unter „Abarbeitung des Koalitionsvertrags“ versteht.

          Gesundheitsminister Jens Spahn hat diese Woche ja ein Verbot der Konversionstherapie angekündigt. Obwohl neuerdings jedes Verbot des Teufels ist (#Verbotspartei), kam das weit besser an als das angebliche Vorhaben der Grünen, uns auch noch unser Schnitzel wegzunehmen. Mit Blick auf Habeck und seine verwuschelten Haare verlangen nun trotzdem immer mehr Politiker und auch Journalisten von Spahn, sein Vorhaben zu überdenken und stattdessen die Konversion in die Gegenrichtung staatlich zu fördern.

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