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Apparatchika: Das einst schönste Gesicht des Sozialismus (links) Bild: Foto Eastblockworld

Fraktur : Auf dünnem Eis

Beim jüngsten Tauwetter drehte mancher Politiker rhetorische Pirouetten. Einer sogar mit dem einst schönsten Gesicht des Sozialismus.

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          Deutschlands Thermometer standen diese Woche kurz vorm Bersten. Die Temperatur explodierte von minus zwanzig Grad auf zwanzig Grad plus. Da kann es auch zwischen Politikern einmal hitziger zugehen. So nannte Armin Laschet den Bundesfinanzminister einen „Apparatschik der SPD“. Olaf Scholz, der gerade dabei war, zum wiederholten Male die verklemmte Bazooka zu reinigen, mit der seit Monaten Ersatzkohle ins Land geschossen wird (so jedenfalls der Plan), soll daraufhin so wütend gewesen sein, dass ihm zum ersten Mal in seiner Karriere ein nicht druckreifer Satz über die Lippen kam. Mindestens so interessant wie dessen genauer Wortlaut ist die Frage, wie es dazu kam, dass der Rheinländer Laschet das Vokabular der sowjetischen Nomenklatura kennt? Gab Merkel, die noch Russisch gelernt hat, ihm darin Nachhilfe?

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Auch im Kanzleramt herrschte Tauwetter. Die Bundeskanzlerin empfahl der Nation etwas für ihre Verhältnisse Unerhörtes: leichte Lockerungsübungen. Was uns prompt an Walter Ulbricht erinnert, die Mutter aller einheimischen Apparatschiks, der, nein, die (oder: das?) seinen Untertanen seinerzeit die weise Losung „Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport!“ diktiert hatte. Apropos: Wie gendert man eigentlich korrekt Apparatschik? Apparatschick? Apparachica? Egal, hätte Robert Habeck Ulbrichts Rat beherzigt, wäre er mutmaßlich nicht so verwirrt gewesen, als ihm in einem Interview neulich tatsächlich einmal eine Nachfrage gestellt wurde. In diesem Fall, ob er die Freilassung von Julian Assange fordere, woraufhin Habeck sich in seiner Antwort umgehend selbst einsperrte, und zwar ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung.

          Kaum ließ der Frost nach, wagte sich auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer aufs Eis, zwangsläufig auf dünnes. Kretschmer traf sich persönlich mit Katarina Witt, weil sich das einst schönste Gesicht des Sozialismus in den sozialen Netzwerken äußerst unzufrieden mit der Krisenbewältigung im Kapitalismus gezeigt und vom Publikum dafür eine glatte 6,0 in der A- und B-Note erhalten hatte. Kretschmer verstand das offenbar als eine Art virtuellen Besuch vor seinem Haus und lud Gold-Kati umgehend zum Gespräch in Sachsens Landesvertretung in Berlin, bei dem das Eis dann, glaubt man den Kollegen von der „Zeit“ (herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!), die mitgeschrieben haben, eher zunahm denn schmolz, was wiederum den Vorteil hatte, dass Kretschmer mit seinen rhetorischen Rittbergern nicht vollends einbrach.

          Und was ist mit dem deutschen Wald?

          Einem allerdings dürften auch noch so viele Pirouetten nicht mehr helfen: dem deutschen Wald. „Vier von fünf Bäumen haben eine lichte Krone“, konstatierte Bundesagrarministerin Julia Klöckner diese Woche bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts. Ihr Befund korrespondierte – Zufall oder nicht – mit einer ebenfalls jetzt veröffentlichten britischen Studie zum Alkoholkonsum in Berufsgruppen mit Teilnehmern ab vierzig Jahren, die sich mit dem Satz „Vier von fünf Männern haben einen in ihrer lichter werdenden Krone“ zusammenfassen lässt. Besonders trinkfreudig sind auf der Insel demnach Handwerker und Gastwirte. Im Mittelfeld prosten sich Ärzte und Lehrer zu, während Theo- und Meteorologen überwiegend auf dem Trockenen sitzen bleiben. Letzteres wundert uns, müsste doch die Trefferquote der Vorhersagen beider Berufe eher dem Dauerkonsum Vorschub leisten.

          Das alles mag man interpretieren, wie man will, wir allerdings vermissen in der Untersuchung schmerzlichst Politiker und Journalisten. Denn was ein britischer Bauarbeiter zu bechern vermag, ist ja alles nix gegen das, was einst die Apparatschiks in der Soffjetunion (daher kommt ja der Name) wegtranken, ganz zu schweigen von Mitarbeitern in deutschen Zeitungsredaktionen, wo es als Befehlsverweigerung gegolten haben soll, wenn ab 11 Uhr nicht alles geleert wurde, was auf den Tisch kam. Wobei wir darüber – Pech der späten Geburt – nicht aus eigenem Erleben, sondern nur vom Hörensagen schreiben können. Denn die Medienkrise hat auch dieses liebgewonnene Ritual dahingerafft. Seitdem regiert – oft auch noch still – die Mineralsekretärin. Und die ist garantiert härter als jeder Apparatschik.

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