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Fraktur : Auf dem Index

Beinfrei, trinkfest: Aber nicht FDP-Mitglied Bild: Wilhelm Busch

Warum wir nicht nur über die Meinungs-, sondern auch über die Beinfreiheit debattieren müssen.

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          „Wir müssen jetzt erst recht Witze machen“, forderte das Zentralorgan der Satire in Deutschland, „Titanic“, nach dem Massaker von Paris. Diesem Aufruf zur Verteidigung der Pressefreiheit wollen natürlich auch wir mit unseren bescheidenen Möglichkeiten Folge leisten. Die Überlebenden von „Charlie Hebdo“ witzeln selbst schon wieder: Was war eigentlich das Thema der vergangenen Woche? Schwärzeren Humor gibt es nicht. Doch wie sollten Satiriker den Wahnsinn der Welt anders bewältigen?

          Auch wir müssen langsam wieder Tritt fassen, was hierzulande ja unendlich leichter geht. Unser – im Terror von Paris untergegangenes – Thema der vergangenen Woche war viel harmloser. Es war weit entfernt vom ewigen Streit über die Frage, ob man Mohammed abbilden darf und wenn nein, wie. Bei uns hier in Deutschland ging es nur um ein weltliches Bilderverbot. Es betraf die Beine von Katja Suding, der FDP-Spitzenkandidatin in Hamburg, und eine Kamerafahrt der „Tagesschau“ entlang derselben. Für das sogenannte Nachvollziehen des „männlichen Blicks“ und die dahinterstehende Geisteshaltung („vergangener Jahrzehnte“) hat sich der zuständige Chefredakteur öffentlich entschuldigt und gesagt: „Der Beine-Schwenk gehört auf den Index.“ Das ist das abendländische Gegenstück zu einer Fatwa. Sie wurde ausgesprochen, „weil diese Einstellung dazu angetan ist, einen Teil unserer Zuschauerinnen und Zuschauer zu empören“.

          Nein, das ist wirklich kein Auszug aus Michel Houellebecqs neuem Roman „Unterwerfung“, sondern beinharte Selbstkritik aus dem real existierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und wir fürchten uns vor dem Islamismus! Der Sexismus, der aus dieser Sache quillt, ist in der Tat unerträglich. Als ob Männer Frauen immer nur von unten nach oben anschauen würden. Außerdem wirbt die FDP für Frau Suding ja mit dem Slogan „Unser Mann für Hamburg“. Der gescholtene Kameramann wollte wahrscheinlich nur endlich einmal die wohlgeformten Extremitäten eines Mannes zeigen, weil es immer heißt, für die interessiere sich niemand. Und jetzt ist es auch wieder nicht recht.

          Wie dem auch sei, die Sache ist passiert und muss nun debattiert werden. Die Szene auf den Index zu setzen reicht nicht. Welcher Index war überhaupt gemeint? Der Index Librorum Prohibitorum wurde schon vor einer Weile abgeschafft, wenn auch nicht gleich mit der Inquisition. Es kann auch kaum die Liste mit jugendgefährdenden Machwerken sein. Die Jugend ist, was Nacktheit auf dem Schirm angeht, ganz anderes gewohnt.

          Wir kommen wohl nicht daran vorbei, dass sich das Bundesverfassungsgericht mit der Frage befasst, ob die Beinfreiheit von Frau Suding – also ihr Grundrecht, Bein zu zeigen – wirklich grenzenlos ist. (Sie war so frei, es auf der Bühne im Stuttgarter Staatstheater ausgiebig in Anspruch zu nehmen.) Und wie sich dieses Recht zur negativen Beinfreiheit der anwesenden Männer und Frauen verhält, also dem Recht, einen solch unerträglichen Anblick nicht erdulden zu müssen. Wobei sich über den Anblick früherer freidemokratischer Spitzenkandidaten, obwohl durchaus möglich, auch niemand beschwert hat, sondern nur über deren Äußerungen an der Bar, die offenbar noch nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt waren. Damals rief jedenfalls keiner: Je suis Rainer! Arme FDP: Sie kann für die Freiheit kämpfen, wo und wie und mit wem sie will, immer hat sie einen Skandal am Bein.

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