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Fraktur : Armbändchen

Der moderne Mann trägt Armbändchen: Andreas Scheuer Bild: dpa

Armbändchen, selbst bei Konservativen, sind Distinktionsmerkmal: Ich bin einer von Euch, von wem auch immer. Aber was ist mit der Surferkette von Kramp-Karrenbauer?

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          Es sind oft die kleinsten Dinge, die den größten Eindruck hinterlassen: Wenn Sie kommenden Montag wie immer die vergangenen 25 Jahre im Anzug, mit Aktentasche und wertiger Armbanduhr ins Büro gehen, aber diesmal eben mit einem Brilli im linken oder vielleicht sogar im rechten Ohr, dann werden Sie bei den Kollegen eine Wirkung erzielen, von der ein Paul Ziemiak auf dem CDU-Bundesparteitag nur träumen kann. Der Brilli unter Topentscheidern und Spitzenpolitikern ist das Armband, das auch in der Variante Armreif oder Halsband vorkommt. Es gibt die sogenannten Fitnesstracker, mit denen man Sport- und Schlafaktivitäten messen kann. Mit bloßem Auge sind sie kaum von den Charityarmbändern zu unterscheiden, die einst Lance Armstrong unter die Leute gebracht hat. Beides ist im Grunde spießig, weil systemstabilisierend. Im einen Fall zeigen die Träger, dass sie auch noch stolz darauf sind, fit fürs Hamsterrad zu sein, im anderen, dass sie glauben, man dürfe den Spitzensteuersatz keinesfalls erhöhen, ein bisschen Goodwill reiche völlig aus.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Artverwandt sind die Armbänder, die man bekommt, wenn man irgendwo hineingelassen wird, etwa auf die Gala zur Bambi-Verleihung. Die gewählte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen trug dort so ein Bändchen, als sie ein Plädoyer für Europa hielt, dessen Feurigkeit sie immer wieder durch das Zusammenballen ihrer Fäustchen unterstrich. Auf den ersten Blick ist so ein Bändchen toll, weil es aussieht, als komme man gerade von einem Musikfestival. Bei genauer Betrachtung jedoch kommt Traurigkeit auf: Da hat man es schon mal zur ersten Frau in Europa geschafft, und trotzdem braucht man für die Bambi-Bühne ein Bändchen, weil die Securitys einen im Zweifel gar nicht kennen.

          Die Armbänder, um die es hier eigentlich gehen soll, sind aber andere. Sie können aus Leder sein, aus Perlen, aus Gummi, oder geknüpft von deutschen Mittdreißigern, die auf der Suche nach dem großen Glück auf Ko Samui hängengeblieben sind – und nicht nur darauf. Bei grünen Männern wie Cem Özdemir oder Robert Habeck wundert man sich ja eh über nichts mehr, also auch nicht darüber, dass sie Armbänder tragen. Sie dokumentieren dadurch, dass sie die Bande zu ihren und allen Wurzeln noch nicht gekappt haben. Das Armband beschreibt einen Kreis – ein Zeichen für die ursprüngliche Vollkommenheit der Welt. Außerdem ist es eine Art Lebensversicherung: Wenn mal ein grüner Spitzenpolitiker im Dienstwagen in eine Demo von Extinction Rebellion gerät, lässt er einfach die Fensterscheibe herunter, reckt die Faust in die Luft und dokumentiert so: Ich bin einer von euch!

          Interessanter sind aber die Armbandträger von der konservativen Seite: Karl-Theodor zu Guttenberg oder Andreas Scheuer. Vergleiche sind immer gefährlich, aber in diesem Fall muss es jetzt einfach mal sein: Wenn man ihnen gegenübersitzt, beide korrekt vom Scheitel bis zur Sohle, und dann plötzlich rutscht der – natürlich mit Manschettenknöpfen bestückte – Hemdsärmel einen Hauch in Richtung Achselhöhle und legt dadurch ein oder gleich mehrere Armbänder frei, dann ist es, als wollte man beim CDU-Parteitag zur Antragskommission, irrt sich aber in der Tür und findet sich jäh in einem Raum wieder, in dem Julia Klöckner, Jens Spahn und Christian Lindner in Bademänteln Shisha rauchen.

          Wellenreiter Friedrich Merz?

          Natürlich gibt es meist sehr gute Gründe, solche Armbändchen zu tragen. Oft hat es was mit den eigenen Kindern zu tun, die sie gebastelt haben. Die Bänder sind darüber hinaus ein Signal nach außen, an die Wähler: Schaut auf mein Handgelenk, ich bin ein Mensch unter Menschen! Aber sie sind auch ein Signal nach innen, an einen selbst. Kürzlich gab es eine kleine Debatte darüber, ob Annegret Kramp-Karrenbauer es womöglich deshalb nie ins Kanzleramt schaffen werde, weil sie zu wenig Staatsfrau sei, was man schon daran sehe, dass sie eine „Kette im Surferstyle“ um den Hals trage. Was für ein Unsinn!

          So wie unserem Verkehrsminister nach seinen Angaben sein Schildkrötenarmband einen Panzer leihen soll und das Rennpferd „Amadeus“ aus „Bibi&Tina“, ebenfalls auf einem Armband, Tempo, so soll die Surferkette ihre Trägerin AKK immer daran erinnern, dass Friedrich Merz auch kein großer Wellenreiter ist.

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