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Fraktur : Welch wunderbarer Hintersinn

Je schräger, desto besser: Beim Großen Zapfenstreich müssen es schon ganz besondere Lieder sein. Bild: Wilhelm Busch

Auch bei der Auswahl der Musik für den Großen Zapfenstreich hat Merkel noch einmal alles richtig gemacht. Zum Glück bat sie nicht um den Ritt der Walküren.

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          Ist Ihnen da trotz der Kälte nicht auch ganz warm ums Herz geworden? Als unsere Paradesoldaten mit Fackeln und klingendem Spiel im Bendlerblock einmarschierten, mussten doch sogar ehemalige Wehrdienstverweigerer eine Gänsehaut kriegen. Ja, das war schon noch eine Steigerung gegenüber der Aushändigung der Entlassungspapiere im Bellevue. Bei „Helm ab zum Gebet!“ hing die Nation so gebannt am Fernseher wie seit der Hochzeit von Charles und Diana nicht mehr.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Auch unsere baldige Ex-Kanzlerin wusste natürlich, dass das keine Pillepalle-Veranstaltung ist, die frau in des großen Gottes Namen zum Schluss eben auch noch absolvieren muss wie den nun wirklich überflüssigen Besuch in der Bundestagsfraktion der Partei, der sie einmal nahe stand. So ein Großer Zapfenstreich ist die letzte Gelegenheit, mit kleinem Einsatz riesigen Einfluss auf das eigene Bild in den Geschichtsbüchern zu nehmen.

          Je schräger, desto besser

          Dafür reicht es, kurz zuvor ein paar Musiktitel auf einen Zettel zu schreiben. Freilich nicht so etwas Vorhersehbares wie das Starfighter-Lied oder „Panzerkreuzer Deutschland“, damals beides von Franz Josef Strauß bestellt. Nein, es müssen schon Oldies but Goldies sein, die den Kapellmeister zur Verzweiflung bringen, weil ein Stück für eine Harfe eben nicht so leicht mit einer Tuba zu spielen ist. Doch je schräger es dann tönt, desto sicherer heißt es schon bei der Live-Übertragung: Dieser autobiografische Hintersinn! Welch wunderbare Selbstironie! Ist dieser Song nicht eine Liebeserklärung an ihren Mann/seine Frau/den Hund? Hach, sie/er war ja doch ein Schätzchen/Schlawiner!

          Der bedeutungsschwangere Schlussakkord, der da angeschlagen wird, hallt noch endlos nach. In manchen Fällen erinnert man sich eher an die Musik als an die Politik. Aber auch die Programmhefte dieser Wunschkonzerte zeigen ja, wie es mit der Republik so weit hat kommen können. Und wer könnte schon vergessen, dass Wulff „Over the Rainbow“ spielen ließ und Guttenberg „Smoke on the Water“?

          Achtzig Millionen Herzen im Dreivierteltakt

          Zu den obercoolen Dudes muss man natürlich auch Schröder zählen, obwohl ihm, dem Mackie Messer unter unseren Kanzlern, bei „My Way“ das Wasser in die Augen schoss. Es war ja aber auch wirklich schade, dass Putin nicht kommen konnte.Da ist Merkel doch aus einem anderen Holz geschnitzt. Selbst als bei „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ nicht nur zwei, sondern achtzig Millionen Herzen im Dreivierteltakt schlugen, blieb sie so gelassen wie immer. Sie übergibt das Land einschließlich der Bundeswehr ja auch in einem hervorragenden Zustand an ihren Nachfolger. Haben Sie gesehen, wie die Karabiner blitzten? Da wird Putin sich doch dreimal überlegen, ob er in der Ukraine einmarschiert.

          Berthold Kohler „Fraktur“

          Gesammelte Glossen. Mit einem Vorwort von Greser & Lenz. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt a. M. 2021, 208 S., Leinen, geb. 18,– €.

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          Allerdings werden jetzt russische Geheimdienstler wie auch manche Merkelologen bei uns noch eine Weile rätseln, welche (subversive?) Botschaft die Kanzlerin mit dem Nina-Hagen-Song verband. Zum Glück ließ sie, was man sich bei einer Wagnerianerin hätte vorstellen können, nicht den „Ritt der Walküren“ spielen. Das wäre ja gerade im Bendlerblock gar nicht gegangen, selbst wenn die meisten bei diesem Stück wohl eher an den Vietnamkrieg gedacht hätten. Dann wäre aber bestimmt vermutet worden, Merkel wolle damit sagen: Apokalypse now.

          Zum Glück kam sie auch nicht auf die Idee, sich statt dem Sünderin-Walzer etwa „An der schönen blauen Donau“ zu wünschen. Da hätten die üblichen Bedenkenträger, die immer nur an den Einen denken, wenn sie Helme und Fackeln sehen, sofort gemutmaßt, Merkel erkenne in Österreichs derzeitiger Führerlosigkeit möglicherweise die Chance für eine Anschlussverwendung.

          Ja, auch am Ende hat die Kanzlerin alles richtig gemacht. Wir sagen, nein, singen mit der von ihr befohlenen Fröhlichkeit im Herzen zum Abschied leise: Servus.

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