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Fraktur : Alles rockt

Let There be Rock: Staatsministerin Dorothee Bär Bild: ddp Images

Unsere Politiker haben noch nicht gemerkt, was das wirklich heißt.

          3 Min.

          Zwei Nachrichten haben diese Woche noch mehr frappiert als der Rock der inzwischen unter dem Namen Doro Bär auftretenden Doro Pesch. Erstens: Neun der zehn ersten Plätze der deutschen Singlecharts werden von Rapmusikern belegt. Zweitens: Der Bayerische Oberste Rechnungshof bezweifelt die Sinnhaftigkeit einer Kampagne des bayerischen Wirtschaftsministeriums mit dem Titel: „Stromsparen rockt!“ Auf den ersten Blick haben die beiden Sachen nichts miteinander zu tun. Auf den zweiten jedoch ist die gemeinsame Aussage klar: Rock ist tot, zumindest heruntergerockt. Doch wer ist schuld?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Viel spricht dafür, dass es auch hier wieder die Politiker sind. Es gibt unzählige Beispiele, wie sie versucht haben, sich des Rocks zu bemächtigen, ihn zu instrumentalisieren. Berüchtigt: Joseph Fischer, nach eigener Ansicht „einer der letzten Live-Rock-’n’-Roller der deutschen Politik“. Vor allem aber hat sich der Rock im Verb „rocken“ in der politischen Alltagssprache eingenistet, und zwar – eine Info für die vielen Linguisten unter unseren Lesern – als transitives wie intransitives Verb. „Habeck rockt Hamburg“ wäre ein Beispiel für transitiv. Intransitiv: „Habeck rockt.“ Das Erstere hat eine sehr starke erotische Komponente, wie unschwer der Vergleich mit dem Falco-Klassiker „Rock me Amadeus“ zeigt: „Er hatte Schulden, denn er trank/Doch ihn liebten alle Frauen/Und jede rief/Come and rock me Amadeus.“ Die intransitive Form „Habeck rockt“ ist schöner, unschuldiger, weil der Satz ohne Objekt auskommt, kein Wort wird von einem Subjekt degradiert – sowieso fragt man sich, warum noch kein Antidiskriminierungsbeauftragter das Verbot von Objekten in Sätzen gefordert hat.

          Ganz allgemein muss man sagen, dass der Gebrauch von „rocken“ in der Politik etwas unangenehm Anmaßendes, kulturell Aneignendes hat. Als zum Beispiel mal Martin Schulz über Sigmar Gabriel sagte, er habe den Parteitag „gerockt“ – wo bitte war da der Unterschied zu alten weißen Männern, die etwa durch das Anziehen von Bananenröckchen versuchen, ihre Solidarität mit Afrika auszudrücken? Oder zu Jugendlichen, die, bloß weil sie kiffen, glauben, sie seien ein Rastafari? Gegen solche Enteignungsversuche gab es immer mal Widerstand, aus der Musik selbst und auch aus der Politik. Dass die Sportfreunde Stiller einst ausgerechnet einen Fußballspieler und dann auch noch Roque Santa Cruz vom FC Bayern zum Rocker erklärten („Ich, Roque“) war allerdings genauso kontraproduktiv wie die Aufforderung des Grünen Cem Özdemir an alle konservativen Politiker, sie mögen den Rock ’n’ Roll in Ruhe lassen. Will man denn wirklich lieber Habeck beim Stagediven sehen (wie auf der Party nach der Bayern-Wahl) als Peter Altmaier?

          Mit dem Rocken in der Politik ist es wie mit Theresa May: Man kritisiert, regt sich auf, ist entgeistert – aber irgendwann gewöhnt man sich auch daran. Abgesehen davon hat der Begriff „rocken“ sich längst von seiner ursprünglichen Bedeutung entfernt, denn, lieber „Verein Deutsche Sprache“: Sprache lebt! In Wörterbüchern steht zwar unter „rocken“ noch „Begeisterung auslösen“ und dergleichen, aber das kann der CSU-Politiker Manfred Weber, der ja selbst mal in einer Art Rockband gespielt hat, unmöglich gemeint haben, als er auf dem Höhepunkt des Asylstreits sagte, die CSU habe „Europa gerockt“. Offenbar heißt „rocken“ inzwischen „auf die Nerven gehen“ oder „kaum was erreichen“. Das Wort hat damit ein ähnliches Schicksal ereilt wie „surfen“ oder „Freiheit“. Früher dachte man dabei an Kelly Slater und Robby Naish, wie sie unter blauem Himmel auf Schaumkronen reiten, heute sieht man vor dem inneren Auge LeFloid, wie er bei Dosenravioli wegen der Uploadfilter schäumt.

          Damit wären wir bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises und mithin zurück bei unserer Staatsministerin Dorothee Bär, die dort besagten Rock (plus Oberteil) getragen hat, um sich szenetypisch als Superheldin zu präsentieren. Auch hier könnte man mit dem Laserschwert der kulturellen Aneignung herumfuchteln; die Kritik an Bär – bei gleichzeitig hymnischer Begeisterung – war aber meistens viel platter. Dabei bringt es doch gar nichts nachzutarocken. Wir sagen ganz klar mit einem Lied der Rockband Tocotronic (und von AC/DC): Let There Be Rock. Darin wird „The Final Countdown“ zitiert, was sich auch urheberrechtlich erst mal problematisch anhört. Aber der Song ist von der Band „Europe“ – und gegen Europa kann nun wirklich keiner was haben.

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