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Fraktur : Alles eine Frage der Wahrnehmung

Schalke grüßt Dortmund: Beleidigung, Kunst, Selbstbekenntnis? Bild: imago/Sven Simon

Wie unterschiedlich (nicht nur) Hurensöhne und bunte Vögel die Welt sehen.

          2 Min.

          Kann man zum Beispiel das Wort „Hurensohn“ als etwas anderes als eine Beleidigung wahrnehmen? Selbstverständlich. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte, der Barack Obama so bezeichnet und dadurch einen diplomatischen Eklat provoziert hatte, sagte danach, den Begriff habe der amerikanische Präsident quasi in den falschen Hals bekommen. Vermutlich hatte Duterte bloß an die uramerikanische Wendung „Er ist ein Hurensohn – aber er ist unser Hurensohn“ anknüpfen wollen, aus der ja keineswegs hervorgeht, dass ein „Hurensohn“ in jedem Fall etwas Schlechtes sein muss.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Auch im Rhein-Main-Gebiet ist dieses Wort von Eindeutigkeit mindestens so weit entfernt wie „Waffenruhe“ in der Ostukraine oder „ehrenamtlich“ beim DFB. Während „Hurensohn“ aus dem Mund des Offenbacher Rappers „Haftbefehl“ weithin als hohe Kunst wahrgenommen wird, reagieren Frankfurter Zuhälter so übertrieben empfindlich darauf wie aus Sicht von Frauke Petry die deutschen Eliten auf das ganz harmlos vom Vornamen „Volker“ entlehnte Wort „völkisch“. Bei den Marketingstrategen der Stadt Frankfurt wiederum hält man „Hurensohn“ für eine Respektsbekundung, jedenfalls wenn man nach einer Broschüre geht, in der jüngst das Bahnhofsviertel mit seinen hübschen Jungunternehmerinnen als „rot leuchtendes Abenteuerland“ gefeiert wurde. Ganz in der Nähe setzte sich 2015 eine Frau eine Spritze. Doch was aussah wie der alltäglichste Frankfurter Alltag, war in Wahrheit eine „Heroin-Performance“, mit der gezeigt werden sollte, dass Fixer zur Stadt gehören „wie der Wind zum Meer“. Wenn das der „bunte Vogel Duterte“ (Obama) mitbekommen hätte, er hätte sie alle liquidieren lassen. Aber was heißt das schon.

          Jedenfalls hat uns die jüngste Zeit gelehrt, wie unterschiedlich Worte ankommen und wie unterschiedlich Personen, Situationen, Gesprächssituationen zumal, wahrgenommen werden können. Die ehemalige Staatssekretärin im Bundesjustizministerium, Stefanie Hubig, etwa hat dem früheren Generalbundesanwalt Harald Range die Weisung erteilt, er solle ein brisantes Gutachten stoppen, ansonsten werde er entlassen. So hat das zumindest Range verstanden. Hubig sieht es ganz anders, aber der Lüge will sie Range auch nicht bezichtigen, sie spricht lieber von „unterschiedlichen Wahrnehmungen“. Durchaus möglich, dass Range noch nie im rot leuchtenden Frankfurter Abenteuerland war und deshalb Hubigs eventuell energische Wortwahl nicht so einzuordnen wusste, wie es Duterte sicherlich gekonnt hätte. Es wäre andererseits nicht das erste Mal, dass sich zwei Menschen in Unterredungen, in denen eine Trennung voneinander im Raum steht, missverstehen, sonst säße Markus Söder wohl kaum noch im Kabinett von Horst Seehofer.

          Politiker haben eine ganz eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit

          Hubig ist inzwischen Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz – einem Land, in dem die Wirklichkeit besonders unterschiedlich wahrgenommen wird. Das zeigte sich etwa in den Gesprächen zwischen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der Landesregierung beim Versuch, einen Dummen zu finden, der sich den Flughafen Hahn ans Bein binden lässt. Während die Wirtschaftsprüfer behaupten, die Landesregierung habe beim Verkauf „Zeitdruck“ aufgebaut, sagt die Landesregierung, es habe lediglich „einen zeitlichen Rahmen“ gegeben. Und während KPMG sich zu erinnern meint, man habe der Landesregierung „ausdrücklich“ empfohlen, die Verhandlungen mit dem dubiosen chinesischen Investor SYT „zumindest bis auf weiteres auszusetzen“, sagt der zuständige Staatssekretär, man habe „im Einvernehmen“ entschieden, dieses eben nicht zu tun. Die Frage, ob KPMG mithin lüge, verneinte der Staatssekretär allerdings, es handele sich vielmehr um – man ahnt es – „unterschiedliche Wahrnehmungen“.

          Wie nun lassen sich diese erklären? Am wahrscheinlichsten ist, dass sich die Prüfer für mindestens so unfehlbar halten wie ein Generalbundesanwalt. Und dass Politiker eine ganz eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit haben, wird man wieder am Sonntagabend sehen, bei der Interpretation des Berliner Wahlergebnisses.

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