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Fraktur : Alle wollen wieder groß sein

Ein Jugendbild des GröAdGjgh? Oder wieder nur ein „fake“? Bild: Wilhelm Busch

Natürlich mit der Ausnahme von Deutschland. Aber wir haben immerhin einen mächtigen Baum.

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          Also bitte! „Atmender Deckel“! Es war doch klar, dass dieser paartherapeutische Vermittlungsversuch aus der zweiten Reihe der Union in die Hose gehen musste. Denn erstens klang der Vorschlag zu sehr nach einem Indianernamen. Und alle Welt weiß doch, dass der CSU-Häuptling Crazy Horst (alias Der vor sich hin brodelt) solche Anspielungen nicht sehr schätzt. Zweitens sieht bei diesem Begriff und in diesem Kontext jeder, der schon einmal eine dieser furchterregenden TV-Expeditionen in die Abgründe des Gaststättenwesens verfolgte, unweigerlich vor dem inneren Auge einen Dampfkochtopf explodieren, bei dem das Überdruckventil klemmt.

          Nein, man hätte auf der Suche nach dem Punkt, an dem sowohl Merkel als auch Seehofer behaupten können, sie hätten ihre jeweilige unabänderliche Haltung zur Obergrenze für Flüchtlinge nun im besten Einvernehmen mit der Schwesterpartei vollumfänglich durchgesetzt, nach einer Formulierung fahnden müssen, in der das Wort „groß“ vorkommt. Oder wenigstens der Superlativ „größte“. Also etwa: die größte Obergrenze aller Zeiten. Denn Größe gilt wieder als erstrebenswert in der Politik. Angefangen hat damit, wie immer, der Russe. Und nun wollen alle wieder „great“ sein, mit Ausnahme natürlich von Deutschland.

          Das größte amerikanische Großmaul seit Muhammad Ali etwa behauptete noch vor Amtsantritt, er sei der „größte Arbeitsplatzbeschaffer, den Gott je geschaffen hat“. Wenn wenigstens das keine fake news ist, dann bewahrheitet sich der Titel eines bemerkenswerten botswanischen Films aus dem Jahr 1980: Die Götter müssen verrückt sein. Wir werden sehen, wie sehr. GröAdGjgh geht einem zwar nicht ganz so flüssig über die Lippen wie GröFaZ, dennoch ist immerhin im Anspruch eine Ähnlichkeit zu erkennen, weswegen wir unser Urteil, Amerika sei nicht Nazi-Deutschland, noch einmal überdenken wollen. Man soll den Trump ja nicht vor dem Abend loben, auch wenn seine bisherigen Auftritte ziemlich vielversprechend waren.

          Vor vorschnellen Urteilen muss man einen alten Hasen wie Wolfgang Schäuble nicht warnen. Schäuble verfolgte das Wachstum von Angela Merkel jahrelang ganz genau, bevor er jetzt den Satz von sich gab, der Kultstatus erlangen könnte: „Im Schatten eines großen Baumes ist der Rasen oft nicht so stark entwickelt“. Bei einem Wort von solcher poetischer Größe – uns fiele beim Anblick des Terrains unter unserer Magnolie nur die Sahel-Zone ein – denkt man doch unwillkürlich an die Weltesche, die Ur-Mutti Erda und ein paar zwergenhafte Nibelungen, die im Halbdunkel unter dem Baumriesen herumrutschen in der Hoffnung, dass das Waldsterben doch noch nicht ganz vorbei sei.

          Lindners Sakkos sitzen wirklich besser als die von Taubernuss

          Auch der saure Regen ist freilich nur noch ein Schatten seiner selbst. Und die Esche macht ganz auf deutsche Eiche. Zwischen ihren Wurzeln wird also noch lange kein saftiges neues Gras wachsen. Um aber nicht auch noch für einen der Gnome im Staub unter der mächtigen Baumkrone gehalten zu werden, macht sich mancher in CDU und CSU größer, als er ist, zur Not auch mit einem großkarierten Outfit wie etwa der Mautminister Dobrindt. Warum CDU-Generalsekretär Taubernuss sich trotzdem lieber über die „überteuerten Maßanzüge“ des FDP-Vorsitzenden Lindner mokierte, erschließt sich uns nicht, auch wenn Lindners Sakkos wirklich deutlich besser sitzen als die Wichs seines Kritikers. Aber dessen Chefin möchte ja ohnehin lieber mit den Grünen anbändeln, und die stellen in Kleidungsfragen nach wie vor keine wirkliche Konkurrenz dar, ähnlich wie die AfD. Die Bemerkung über die Gaulands abgenutzte Tweets war gleichwohl postfaktisch, da der doch gar nicht auf Twitter unterwegs ist.

          „Bitte ein bisschen mehr Größe!“, möchte man da dem Gröhe-Nachfolger zurufen, sie muss ja nicht gleich von Trumpschen Ausmaßen sein. Denn sonst müsste die CDU im Wahlkampf plakatieren: Make Germany great again! Und wir möchten nicht wissen, was dann in Böhmen, Mähren und Polen los wäre, von Österreich ganz zu schweigen. In Wien gäbe es vielleicht sogar wieder eine Massendemonstration auf dem Heldenplatz.

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