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Fraktur : Politisch-medialer Komplex

Extrem komplex: Im Labyrinth der Überlegungen Bild: AFP

Der politisch-mediale Komplex heißt deswegen so, weil er extrem komplex ist. Eine kleine Auswahl von Überlegungen, die jeder mit Politik befasste Journalist anstellt, bevor er auch nur den Computer hochfährt.

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          Manche Leute glauben ja, der politisch-mediale Komplex funktioniere nach der simplen Regel, die Bundesregierung oder gar die Amerikaner, die immer noch Besatzungsmacht seien, machten eine Ansage, zum Beispiel: „Europa wird jetzt islamisiert“ – und die Presse sowie der öffentlich-rechtliche Rundfunk setzten das dann eins zu eins um, durch ausschließlich positive Artikel über Flüchtlinge oder den vermehrten Einsatz von Nachrichten- und Wetter-Moderatoren mit Migrationshintergrund.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Dass es so einfach nicht ist, sieht man schon daran, dass wenigstens im Moment kaum jemand zu sagen vermag, wer denn das wäre, die Bundesregierung oder gar das Weiße Haus, und von wem gegebenenfalls die Schreibbefehle an die Redaktionen kommen sollten. Von Horst Seehofer, von Hans-Georg Maaßen oder doch eher von Kevin Kühnert? Von Donald Trump oder von einem russischen Pornostar, der ihn mit einem geheimen Bulletin über seinen geistigen Zustand erpresst?

          Nein, der politisch-mediale Komplex heißt deswegen so, weil er extrem komplex ist. Fangen wir mit einer kleinen Auswahl von Überlegungen an, die jeder mit Politik befasste Journalist anstellt, bevor er auch nur den Computer hochfährt: Er (oder sie) will mit dem, was er schreibt, auf jeden Fall über den Tag hinaus wirken, aber natürlich auch sofort Applaus bekommen. Allerdings keinen Applaus von der falschen Seite und auch nicht zu viel, denn er hat sich eine Marke als linker oder konservativer Querdenker aufgebaut, der sich dem Mainstream entgegenstellt. Das muss gepflegt werden – allerdings ohne die Tradition der Zeitung oder des Senders zu verraten. Der Journalist will jedes Mal aufs Neue überraschen, dabei allerdings keine seiner früher vertretenen Positionen räumen müssen. Er will schön schreiben, aber bei den Politikern nicht in den Ruf eines Schönschreibers geraten. Er will sich keinesfalls durch einen unüberlegten Beitrag die Chance verbauen, Regierungssprecher zu werden, etwa für den Fall, dass in zehn Jahren die AfD an der Macht sein sollte. Gleichzeitig will er ein reines Gewissen haben, wenn ihn seine Kinder dereinst fragen: Was hast du 2018 geschrieben, als Deutschland am Abgrund stand?

          Der Journalist will Preise gewinnen und doch als unterschätzt gelten. Er will die Wahrheit schreiben, aber auch keine Quellen verprellen und die gefühlte Wahrheit der Leser nicht außer Acht lassen. Er will am Wahlabend bei denen sein, die den Ausgang richtig vorhergesagt haben, er hat aber auch den Anspruch, das Ergebnis erst herbeigeschrieben oder -gesendet zu haben, wobei möglichst die von ihm favorisierte Partei gewinnen sollte. Die Schwierigkeit ist, das so hinzudeichseln, dass man trotzdem der Erste ist, dem der Wahlverlierer am nächsten Tag ein Interview gibt.

          Noch viel komplizierter sind die Überlegungen von Politikern, bevor sie eine Pressemitteilung oder einen Tweet veröffentlichen oder sich gar zu einer Entscheidung durchringen. Bei allem, was sie tun, möchten sie denen, die gerade in unterschiedlichen Gremien ihre Chefs sind, gefallen, ebenso aber denen, die in Kürze die Chefs stürzen und an ihre Stelle treten könnten. Dabei versuchen sie, nicht als Jasager wahrgenommen zu werden, denn dann wird man selbst nie Chef. Politiker wollen vom Feuilleton verehrt und von den kleinen Leuten geliebt werden. Wenn sie in der Leberkäs-Etage Champagner trinken, soll man sie statt für abgehoben oder heuchlerisch für unkonventionell halten. Sie wollen das gegnerische Lager spalten und trotzdem oder gerade dadurch den gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährleisten. Natürlich wollen sie auch für ihren Klartext bekannt sein, ohne allerdings der Hetze geziehen werden zu können oder gar die Bevölkerung zu beunruhigen. Sie wollen die Zukunft sein, ohne aber ihre Herkunft zu verleugnen, was dann besonders schwierig ist, wenn der Vater bei der CSU ist, die Mutter mit Hubert Aiwanger verwandt und die Jugendfreundin in Robert Habeck verliebt. Sie wollen die Regierung fortsetzen und trotzdem das Überleben ihrer Partei sichern. Und bei alledem wollen sie, Journalisten wie Politiker, auch noch authentisch sein, also sie selbst, und doch keinen Zweifel daran lassen, dass sie eigentlich zu komplex sind, um sich selbst auch nur annähernd zu kennen.

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