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Raufende Kinder: Wie Trump Türken und Kurden sieht Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Für ewig als Teufel

Erdogan soll kein Narr sein und Trump kein Clown. Aber unser Außenminister ein Dilettant? So geht’s nicht!

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          Was ist bloß mit Kim Jong-un los? Um den nordkoreanischen Diktator war es zuletzt so still geworden wie um einen Schlagersänger, der nur noch beim Räumungsverkauf in Teppichhäusern auftritt. Sind ihm die Verwandten ausgegangen, die er vor eine Kanone binden kann? Sogar die Böllerei über dem Japanischen Meer scheint ihm keinen rechten Spaß mehr zu bereiten. Und nun fängt er auch noch das Reiten an! Wie Putin, allerdings noch mit bekleidetem Oberkörper. Kim legt sein Exoskelett in Mantelform wohl nicht einmal zum Schlafen ab.

          Die Bilder, die den jungen Herrscher auf einem Schimmel und dem heiligsten Berg seines Landes zeigen, geben, obwohl sie entfernt an „Ferien auf Immenhof“ erinnern, Anlass zu größter Sorge. Dieser Aufgalopp war nicht ein Notbehelf, weil der Panzerzug die Steigung nicht mehr geschafft hätte. Der Ritt auf dem Vulkan, so hieß es in der Staatspropaganda, sei „ein großes Ereignis von gewichtiger Bedeutung in der Geschichte der koreanischen Revolution“. Üblicherweise wird in Pjöngjang mit solchem Geschwurbel ein dramatischer Kurswechsel angekündigt.

          Will Kim Jong-un aus seinem Land etwa einen Ponyhof machen? Wenn ja, dann könnte ihm das nur der eingeredet haben, der ständig vom unglaublichen Potential Nordkoreas faselte. Es ist durchaus vorstellbar, dass Donald Trump auch seinem alten Freund Kim einen Brief wie den schrieb, den er nun an Erdogan schickte. Die bemerkenswerten Formulierungen in dem Schriftstück deuten darauf hin, dass es sich um ein Standardschreiben mit Textbausteinen handelt, in denen nur die Namen ausgetauscht werden müssen.

          Auch Trump beruft sich in seinem Brief auf die Geschichte. Sie werde Erdogan „für ewig als Teufel betrachten, wenn nicht gute Dinge passieren“. Und weiter: „Sie wollen nicht für das Abschlachten von tausenden Menschen verantwortlich sein, und ich will nicht für die Zerstörung der türkischen (nordkoreanischen, chinesischen, deutschen usw.) Wirtschaft verantwortlich sein – und ich werde es tun.“

          Trotz des auch inhaltlich überraschenden Rats in diesem Schreiben („Seien Sie kein Narr!“), kann es an der Authentizität des Briefs keinen Zweifel geben. Denn außer Trump hätte derzeit nur noch Boris Johnson glaubhaft versichern können, nicht für die Zerstörung einer Wirtschaft verantwortlich sein zu wollen – und es trotzdem darauf anzulegen. Der britische Premierminister bekam jetzt jedoch im allerletzten Moment kalte Füße.

          Warum aber hat Trump sich nicht auf Twitter an Erdogan gewandt? Das ist sein üblicher Weg, wenn er drittklassigen Politiker/innen mitteilen will, dass sie nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen seien. Doch Erdogan hatte erklärt, dass er es nicht mehr schaffe, den Tweets Trumps zu folgen – wobei er offen ließ, ob dieses Unvermögen zeitlichen oder inhaltlichen Gründen geschuldet ist. Bei diesem Paar wäre beides möglich.

          O je, das hätten wir jetzt wieder nicht schreiben dürfen! Denn das verstößt gegen ein Gebot der Political Correctness, dessen Beachtung kein Geringerer als der AfD-Chef Gauland forderte. Seine Frage „Wo bitte soll das hinführen, wenn die Medien nicht ganz ohne Beteiligung der Politik die Regierungschefs von immerhin verbündeten und mächtigen Staaten als Clowns darstellen?“ beantwortete er auch gleich selbst: Im Falle Trumps zur Flucht der amerikanischen Truppen aus Syrien.

          Im Klartext behauptet Gauland damit: Kolumnen wie diese, die im Auftrag des Bundespresseamts oder Auswärtigen Amts geschrieben würden, hätten Trump dazu gebracht, die amerikanischen Stützpunkte so schnell zu räumen, dass die Cola noch kalt war, als die Russen in die Baracken einrückten.

          Wer die F.A.Z. kennt, weiß: Ein solches Geschenk für Putin hätten wir nie gewollt! Dass uns solcher Einfluss auf die Weltpolitik zugeschrieben wird, schmeichelt uns aber natürlich schon etwas. Zudem wäre das Ganze, wenn Gaulands Behauptung stimmte, ein spektakulärer Beleg dafür, wie groß die „soft power“ der deutschen Außenpolitik ist. Unser Außenminister ein Dilettant? Also wenigstens das müsste Erdogan dann doch zurücknehmen. Und natürlich sollte Ankara im selben Atemzug Trump dafür danken, dass dieser Türken und Kurden immerhin „kurze Zeit kämpfen“ ließ wie raufende Kinder, bevor er sie trennte. Damit hat Trump, wie er twitterte, Millionen Leben gerettet und der Zivilisation einen großartigen Tag beschert. „Clown“ wäre also wirklich nicht der passendste Begriff für ihn.

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