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Fraktur zur SPD : Die Antwort auf alle Fragen

Nicht nur die SPD hält Europa für die Antwort auf alle Fragen. Bild: dpa

„Europa ist die Antwort“ ist der Slogan der SPD für die Europawahl. Was sie damit sagen will, ist klar: Europa ist die Antwort auf alle Fragen. Die Frage ist halt, ob es auch die richtige Antwort ist.

          In der Regel ist es im Leben ja so, dass man wahnsinnig viele Fragen hat, aber auf die meisten davon keine Antwort weiß. Bei der SPD ist es quasi umgekehrt. Laut ihrem Slogan für die Europawahl „Europa ist die Antwort“ hat sie die Antwort, aber sie kennt offenbar die Fragen nicht oder will sie uns nicht verraten.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Das Phänomen ist aus Quizshows geläufig, in denen es um Schnelligkeit und um Richtigkeit zugleich geht. Da hebt der Quizmaster an zu fragen: „Welcher Grünen-Politiker hat zuletzt ...“ und beispielsweise Claudia Roth als prominenter Gast im Studio drückt den Buzzer, ruft „Robert Habeck!“, um dann empört den zweiten Teil der Frage zu hören: „... mit seiner Kritik an einer Kampagne der Deutschen Bahn für Empörung gesorgt?“

          Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat

          Aber zurück zur SPD. Die hat in den vergangenen Jahren viele Antworten auf Fragen gegeben, die keiner gestellt hat, und sich dafür um ihre ureigene, die soziale, herumgedrückt. Darum geht es hier allerdings nicht. Was die SPD mit ihrem Slogan sagen will, ist klar: Europa ist die Antwort auf alle Fragen. Die Frage ist halt, ob es auch die richtige Antwort ist.

          Wir machen den F.A.Z.-Schnelltest. Frage: Wer hat am Donnerstagabend mit seiner sensationellen Choreographie in der Frankfurter Commerzbank-Arena dafür gesorgt, dass sich viele Fans des FC Bayern gefragt haben, ob sie ihren Verein wirklich lieben? Die richtige Antwort, so viel sei gesagt, hat zwar mit Europa zu tun, lautet aber nicht Europa.

          Frage zwei: Wie heißt der wunderbare Kontinent, den sich wegen seiner Friedfertigkeit und Aufgeklärtheit alle anderen Kontinente, vor allem die stark muslimisch beeinflussten, zum Vorbild nehmen sollten? Europa?

          Frage drei: Wer ist schuld am Bürokratismus, unter dem vor allem der deutsche Mittelstand ächzt? Auch hier kann die richtige Antwort kaum „Europa“ lauten – oder, SPD?

          Frage vier: Was verstehen Sie unter Sozialismus? Diese Frage der „Zeit“-Kollegen im Interview mit Kevin Kühnert war eine Steilvorlage für das junge SPD-Mitglied, um seiner Genossin Katarina Barley Schützenhilfe im Europawahlkampf zu geben. Aber auch er sagte nicht „Europa“.

          Was macht Europa so begehrenswert?

          Dass Europa die Antwort auf alles sein soll, hat die SPD übrigens nicht exklusiv: Fast alle Parteien buhlen um den Status, immer schon die Europapartei schlechthin gewesen zu sein und jetzt noch viel mehr, da Europa wahlweise vor großen Herausforderungen, am Scheideweg oder am Abgrund steht, aber auf jeden Fall die Zukunft ist.

          Was ist es, das dieses Europa so begehrenswert macht wie das Knie von Gina Lollobrigida? Klar, es ist ein Friedensprojekt. Aber das ist die Schweiz auch. Dort läuft es auch wirtschaftlich top. Trotzdem ist natürlich auch Europa ein Wirtschaftsprojekt.

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          Nicht umsonst weist EU-Kommissar Günther Oettinger seit Jahr und Tag darauf hin, dass in China Hunderte Millionen Menschen spätestens morgens um vier Uhr aufstehen, eiskalt duschen und dann noch während des Zähneputzens das nächste High-Tech-Produkt zusammenlöten. Um sich dieser Konkurrenz zu erwehren, reichen 80 Millionen Deutsche unmöglich aus, zumal mindestens die Hälfte davon die Arbeitsmentalität von Jusos an den Tag legt.

          Toll an Europa ist natürlich auch die Grenzenlosigkeit, die Überwindung nationalstaatlichen Denkens, in deren Genuss alle kommen, die der richtigen Nation angehören und die innerhalb der europäischen Grenzen leben. Aber wo verlaufen die? „Gemeinsam sind wir stärker“, sagt Barley. Das heißt doch: Je mehr, desto stärker, weil desto mehr auch arbeiten und Frieden sichern können.

          Weber schlug der Türkei die Tür vor der Nase zu

          Die Türkei, das alte Gastarbeiterland, dürfte sich dadurch in ihrem Wunsch, zu Europa zu gehören, ebenso bestärkt fühlen wie durch eine Meldung, wonach der beliebteste Jungen-Vorname in Berlin Mohammed ist, was übrigens auch eine willkommenskulturelle Goodwill-Geste deutscher Eltern sein könnte.

          Doch Manfred Weber, der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei, hat den Türken die Tür zum Haus Europa vor der Nase zugeschlagen. Wie wird er nun dem türkischen Präsidenten Erdogan erklären, dass demnächst der Eurovision Song Contest in Tel Aviv stattfindet und dass Australien daran teilnimmt?

          Das ist nur eine von vielen Fragen, die man sich in Europa und gerade auch in der SPD mal stellen sollte. Wie hieß es früher in der Schule: Es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten.

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