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Wohlwollender Söder: Doch Laschet sollte gewarnt sein. Bild: dpa

Fraktur : Demonstration der eigenen Größe

Lob für Laschet, Komplimente für Kretschmann. Das kann so nur einer: Söder.

          2 Min.

          Völlig zu Recht wird die Polarisierung der Gesellschaften beklagt. In Amerika brüllen sich die Leute aus ihren Schützengräben heraus nur noch gegenseitig an – wenn sie nicht gleich aufeinander schießen. In Deutschland ist es nicht viel besser. Aus Angst um sich selbst wünscht man dem anderen ein Atommüllendlager vors Haus, und statt im 30. Jahr der Einheit einfach mal gemeinsam zu feiern, mit Bier statt Schnaps, so wie es NRW-Gesundheitsminister Laumann empfiehlt, giften die einen angesichts der Corona-Maßnahmen, es sei schon wieder wie in der DDR, und die anderen keifen: Ach wäre es doch so!

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Selbst die SPD, die einst für ihre Solidarität gerühmt wurde, ist zerrissen. Die Gletscherspalten trennen dabei nicht nur die Lager, sondern gehen direkt durch den Kanzlerkandidaten hindurch. Sie spalten auch die Generationen. Ehemals führende Sozialdemokraten (Schröder, Lafontaine, Sarrazin, Gabriel, Steinbrück) und heute führende (???) bekämpfen sich bis aufs Blut. Und selbst die Lebenden und die Toten sind sich spinnefeind. So tat sich die Partei arg schwer, des verstorbenen Wolfgang Clement angemessen zu gedenken. Dabei war er, neben vielem anderen, wohl der letzte Sozialdemokrat, der wegen seiner Fähigkeit, im Rachenraum sein Zäpfchen umzuklappen, ein Bier auf ex hinunterstürzen konnte.

          Aber wie heißt es so schön bei Hölderlin: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende. Und das kommt, man traut es sich kaum zu sagen, mal wieder aus Bayern. In der vergangenen Woche war es Dorothee Bär, die, ohne auch nur eine Sekunde an ihr Parteibuch zu denken, ihrer Kollegin von der SPD, Sawsan Chebli, beisprang, nachdem diese sexistisch angesprungen worden war. Es war auch in Bayern, im Bayerischen Hof, da ausgerechnet der „Schwarze Peter“ Gauweiler den beiden SPD-Dissidenten Lafontaine und Sarrazin Asyl an seinem Ohr gewährte und forderte, man müsse „rechte und linke Kopfgefängnisse aufbrechen“.

          Söders neue Unparteilichkeit

          Auf die Spitze treibt es aber mal wieder: Markus Söder. Es begann, als er 2019 dem Grünen Winfried Kretschmann mehr Komplimente machte als allen CSU-Granden zusammen. Inzwischen ist daraus ein Candystorm für den politischen Gegner an sich geworden. In der Corona-Krise hat Söder keinen so oft gerühmt wie Dieter Reiter, den Sozi-OB von München. Söder fand nicht nur warme Worte für Willy Brandt, sondern lobte auch Karl Lauterbach, wie es diesem aus seiner SPD noch nie widerfahren ist. Am Samstag, beim Gedenken an die Toten des Oktoberfestattentats, hob Söder die erinnerungspolitischen Verdienste der DGB-Jugend hervor, und danach, auf dem virtuellen CSU-Parteitag, bezog er sich positiv auf die BR-Sendung „quer“ – ein Format, das die CSU früher verboten hätte. Fehlt nur noch, dass Söder am 3. Oktober aus dem „Neuen Deutschland“ zitiert.

          Zu seiner neuen Unparteilichkeit passte, dass er im Sommer, wenn überhaupt, dann die Schwesterpartei CDU triezte, vor allem Armin Laschet. Nun kann man sagen: Was sich liebt, das neckt sich. Oder, mit Carl Schmitt: Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Aber auch hier hat Söder längst dazugelernt. Immer öfter bekräftigt er die positiven Seiten Laschets, und auf dem Parteitag zum 75. Geburtstag der CSU zitierte er nicht etwa Franz Josef Strauß, sondern CDU-Querdenker Heiner Geißler, über den Strauß nicht unsexistisch gesagt hatte: „Geißler wird nicht Verteidigungsminister, eher wird Rita Süssmuth deutsche Schönheitskönigin.“

          Bei der Frage nach seinen Beweggründen würde Söder sicher nicht zögern, Rosa Luxemburg, Albert Schweitzer oder Voltaire zu bemühen. Freilich sind auch ein paar andere Motive als bloß philanthropische nicht völlig auszuschließen. Wer den Gegner lobt, kann dadurch recht leicht eigene Größe demonstrieren – und einen subtilen Hinweis darauf geben, dass andere, etwa die SPD, die nicht haben. Man kann deutlich machen, dass es einem um Inhalte statt um Ideologie geht. Man kann Verwirrung im gegnerischen Lager stiften – und zeigen, dass dieses so schwach ist, dass es den Zuspruch oder auch nur den Abglanz des Gegners nötig hat.

          Söder hat diese Woche eine wohlwollende Biographie über Armin Laschet wohlwollend vorgestellt. Der Aachener sollte gewarnt sein: Es sind schon Leute an Umarmungen erstickt.

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