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Die Herrin hat’s gegeben, die Herrin hat’s genommen: Und die Opposition küsst ihr dafür die Hände. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Merkels Passionsspiele

Die Kanzlerin verdient für ihre Entschuldigung den Oscar. Die Deppen waren danach die Ministerpräsidenten.

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          Je länger wir über die spektakulären Ereignisse dieser Woche nachdenken, desto stärker drängt sich uns der Verdacht auf, dass hinter ihnen ein raffinierter Plan des größten Schlitzohrs der deutschen Politik steckt, also unserer Kanzlerin.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Natürlich stimmt, dass nach der Zirkusvorstellung zur „Osterruhe“ jetzt kein Schwein und auch kein Hase mehr weiß, ob man die Ostereier spätestens am Grünmittwoch kaufen muss, sie dafür aber noch am Samstag färben darf. Wird, wer Babynahrung bei Aldi besorgt, vierzehn Tage in Quarantäne gesteckt? Oder sind nur die anderen Supermärkte Hochrisikogebiete? Mit der Unklarheit, ob wir nach Malle, unserem Thule des Südens, aufbrechen dürfen, um wenigstens am Ballermann einen Gottesdienst besuchen zu können, wollen wir erst gar nicht anfangen.

          Diese Verwirrung ist jedoch nur ein kleiner Preis dafür, dass unsere Kanzlerin aus dieser Krise so strahlend hervorging wie selten zuvor. Selbst die „Bild“-Zeitung, die sonst kein gutes Haar an ihrer Corona-Politik lässt, nahm die Entschuldigung an und zollte der Kanzlerin Respekt.

          Wenn lahme Enten mit den Flügeln schlagen

          Merkels Mea culpa war ja auch wirklich großes Kino. Für dieses Spätwerk, in dem sie alle Schuld auf sich nahm, hätte sie den Oscar verdient. Es sollte wie die Passionsspiele von Oberammergau alle zehn Jahre aufs Neue aufgeführt werden. Es hat ja auch etwas von einer Auferstehung, wenn lahme Enten wieder so mit den Flügeln schlagen können, dass sie aus einem Überraschungsei Rührei machen.

          Aber was heißt hier Ente: Während die geläuterte Merkel sich wie Phönix aus der Asche des Osterruhebeschlusses erhob und selbst die Opposition ihr die Hände dafür küsste, dass sie uns die zusätzlichen Ruhetage wieder gestrichen hatte (Die Herrin hat’s gegeben, die Herrin hat’s genommen), mussten Laschet und Söder sich noch zerknirscht im Staub der Selbstbezichtigung wälzen: Ja, wir waren auch dabei.

          Merkel wurde vom Arbeitgeberpräsidenten für ihre „Führungsstärke“ gelobt, die Ministerpräsidenten standen dagegen da wie die Deppen. Bevor Sie gegen dieses harsche Urteil protestieren: Es stammt nach glaubwürdigen Berichten vom hessischen Ministerpräsidenten Bouffier.

          Die Einzige, die sich gegen das meisterliche Manöver Merkels wehrte, die renitenten Länderchefs dazu zu zwingen, sich selbst Unfähigkeit zu bescheinigen, war Malu Dreyer. Die hatte anders als ihre männlichen Kollegen nachts aufgepasst und konnte sich auch noch daran erinnern, wer fragte: „Helge, hast du noch eine Idee?“

          Ramelow hat überhaupt nichts gewusst

          Thüringens Regierungschef Ramelow dagegen hat „bis 23 Uhr 45 überhaupt nicht gewusst, wo die Bundeskanzlerin ist und wo ein Teil der Ministerpräsidenten abgeblieben sind“. Er habe sechs Stunden lang vor dem Bildschirm gesessen und darauf gewartet, dass die vereinbarte Pause von einer Viertelstunde beendet werde „und man gesagt bekommt, was eigentlich passiert“.

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          Ministerpräsidenten: Männer, die stundenlang auf Schirme starren, trotzdem aber nicht im Bilde sind? Nach einem solchen Erlebnisbericht kommt uns die Bezeichnung „Deppen“ fast noch zu milde vor, auch wenn wir durchaus glauben, dass Ramelow die sechsstündige Wartezeit mit sinnvoller Tätigkeit ausfüllen konnte. „Candy Crush“ soll ja Tausende Level haben.

          Immerhin war Ramelow rechtzeitig zurück im realen Game of Thrones, um noch mitzubekommen, wie knapp die Verhandlungen in der Nacht der langen, müden Gesichter vor dem Scheitern standen. Gegen halb eins, so berichtete der Brandenburger Regierungschef Woidke, seien sich viele seiner Kollegen nicht sicher gewesen, ob es noch weitergehe: „Es hätte dann auch in die Hose gehen können.“

          Das stank von Anfang an zum Himmel

          Im Nachhinein muss er, müssen seine Kollegen und Kolleginnen und auch wir alle doch sagen: Ja, wäre es bloß da schon hineingegangen! Die Kurzbeschlusshandlung zur Osterruhe war doch ein Sch . . ., der von Anfang an zum Himmel stank! Offenbar lässt tief in der Nacht aber auch der Geruchssinn von Politikern nach, die sonst immer sofort den Braten riechen.

          Malu Dreyer jedenfalls will vorsichtshalber keine Konferenz mehr mitmachen, die bis drei Uhr früh dauert. In der Nacht steckt die Kanzlerin, vom Biorhythmus her eindeutig eine Eule, einfach immer noch jede und jeden in die Tasche. Die Verlängerung der Osterruhe mag Merkels Vorschlag gewesen sein. Mehr Zeit zum Ausschlafen gebraucht hätten aber wohl eher die selbsternannten Deppen.

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