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Nur einen wönzigen Schlock: Alkohol ist gut gegen Viren. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur zur Coronakrise : Juhu, negativ!

Radikaler Imagewechsel: Der größte Gewinner in der Corona-Krise ist ein Adjektiv.

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          Am Oberpfälzer Ende der Welt, wo sich Fuchs und Hase und wahrscheinlich auch die Fledermaus so innig gute Nacht sagen, dass dort die erste Corona-Ausgangssperre Deutschlands verhängt werden musste, grassierte schon vor dem Seuchenausbruch ein tröstliches Sprichwort. Es lautet: Seltn a Schodn dea wou niead aa an Nudzn houd. Übersetzt ins Deutsche, heißt das ungefähr: Alles hat auch sein Gutes. Mit dem Schaden, den diese Seuche anrichtet, haben wir uns schon so ausgiebig beschäftigt, dass es in der Tat an der Zeit ist, nach dem Nutzen zu suchen, den sie mit sich bringt. Ihn gibt es tatsächlich, wenn man nur lange genug darüber nachdenkt.

          Wir meinen jetzt nicht etwa diesen Entschleunigungsschmus, der in manchem Homeoffice verzapft wird – Isolation kann merkwürdige Effekte haben –, sondern nachweislichen Gewinn. Wie etwa den für den Bekanntheitsgrad von Mitterteich. Der allergrößte Teil der Welt hatte bis zum Ausbruch der Corona-Krise nicht die geringste Ahnung davon, wie beschaulich es in diesem (uns wohlbekannten) Städtchen schon vor der Ausgangssperre zuging. Jetzt aber dürfte man selbst noch im Mittleren Westen wissen, dass die Perle der nördlichen Oberpfalz eine Oase ist, die so still ruht wie die Karpfenteiche vor ihren Toren. Das müsste den künftigen Entschleunigungs-Tourismus doch ungemein befördern, falls denn eines Tages wieder Reisefreiheit gewährt wird.

          Dass die Mitterteicher dann noch einmal so sorglos Starkbier ausschenken wie bei jener Mega-Corona-Party, darf man vielleicht nicht unbedingt erwarten. Aber auch nicht getrunkener Alkohol, diese Erkenntnis verdanken wir ebenfalls dem Virus, lässt sich vernünftigen Zwecken zuführen. Wie in dieser Zeitung zu lesen war, wird der Alkohol, der dem von ihm befreiten Bier entzogen wurde, jetzt so unbürokratisch in Desinfektionsmittel verwandelt wie damals in Österreich der Frostschutz in Wein. Auch große Schnapsbrennereien im In- und Ausland tun auf diese Weise nun endlich einmal etwas für die Volksgesundheit.

          Die alkoholische Gärung, seit der „Feuerzangenbowle“ der Höhepunkt jeder Schullaufbahn, kann also guten Gewissens im Lehrplan bleiben. Nach Monaten der Internierung im Kreise der anderen Geschwister und der Eltern brauchen die meisten Schülerinnen und Schüler aber wohl nicht einmal mehr den Anreiz eines „wönzigen Schlocks“ vom Heidelbeerwein, umso gerne wie nie zuvor in die Schule zu gehen. Auch die Bildungsbürokratie Schleswig-Holsteins, obwohl zu Alleingängen auf dem Weg des geringsten Widerstands neigend, sollte nicht auf die Auseinandersetzung mit dem Thema Alkohol verzichten. Die dortigen Schulpolitiker haben ja offenbar häufig einen im Tee.

          Der größte Krisengewinnler neben der Klopapierbranche ist freilich ein Adjektiv. Es verdankt dem Virus einen Imagewechsel zum Positiven, wie man ihn sich radikaler nicht vorstellen kann. Niemand wird es mehr wagen, zu sagen: Sei doch nicht so negativ! Jeder will jetzt negativ sein. Die Kanzlerin kann diesen Befund offenbar gar nicht oft genug hören, so häufig lässt sie sich testen. Musik ist „negativ“ aber auch in den Ohren des einfachen Bürgers, der stundenlang in der Corona-Schlange vor dem Testcenter stand, tage- oder gar wochenlang zum Briefkasten tigerte in der Hoffnung, endlich die erlösende Post zu bekommen, und gefühlt dreihundertmal beim Gesundheitsamt anrief, um immer nur mit dem Befund vom Band beschieden zu werden: „Einen Gesundheitsausweis für den Lebensmittelbereich Restaurant oder Kantine können Sie ohne Termin montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr beantragen.“ Auch den von einer beneidenswert unaufgeregten Stimme angebotenen Aids-Test brauchte man in Zeiten der sozialen Distanzierung nicht so dringend wie Klarheit in der Virusfrage.

          Wir würden unserem Gesundheitsamt in diesem Stadium der Seuche daher nun doch langsam zu einer Aktualisierung der Ansage und vielleicht auch des Angebots raten. Wie wäre es mit einem Seminar zur Kraft des negativen Denkens?

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