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Die Einheitshölle ist out:Der Teufel muss der Kundschaft mehr bieten als brodelnde Bottiche. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Die Hölle auf Erden

Jenseits der verbalen Entgleisungen gibt es etwas, worüber Anhänger und Gegner der EU sich einig sind.

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          Dass Orte, die man sich ganz schrecklich vorstellt, gar nicht ganz schrecklich sein müssen, zeigt uns seit Anfang des Jahres auf beeindruckende Weise der Kalender des Hessischen Ministeriums für Justiz. Dessen großformatige Außen- und Innenansichten von hessischen Justizvollzugsanstalten ließen in unserem Hause schon den Gedanken keimen, ein neues Lifestyle-Magazin mit dem Titel „Schöner Sitzen“ auf den Markt zu werfen.

          Natürlich dürfte hinter den bunten Fassaden manch trauriges Schicksal verborgen sein. Aber wo soll die Resozialisierung gelingen, wenn nicht in derart liebevoll mit Stacheldraht geschmückten Gebäuden? Uns wundert es jedenfalls nicht länger, dass diese Etablissements das ganze Jahr ausgebucht sind. In ihren Mauern war bisher Pirelli der ungekrönte King of Kalender. Doch muss man jetzt wohl sagen: Pin-up ist out, es lebe der „Justizvollzug in Hessen 2019“!

          Mehr bieten, als den alten Feuerzauber

          Diesen Kalender vor Augen, verstehen wir auch nur zu gut, dass EU-Ratspräsident Tusk sich fragte, wie wohl der besondere Platz in der Hölle für jene aussehe, die den Brexit vorangetrieben hätten, ohne auch nur die Skizze eines Plans dafür zu haben. Denn wenn selbst der Knast in Kassel nicht mehr viel zu tun hat mit den Kerkern Caligulas, dann muss es ja vielleicht auch in der Hölle nicht mehr so zugehen, wie man das noch im Mittelalter glaubte.

          Die Vorstellungen von einer Einheitshölle mit glühenden Eisen und brodelnden Bottichen scheinen uns nicht mehr ganz zeitgemäß zu sein. Für die Einfaltspinsel im 12. Jahrhundert mag das ja gereicht haben. Den ausdifferenzierten Gesellschaften von heute muss Luzifer aber mehr bieten als den alten Feuerzauber. Da ist heutzutage ja schon in jedem Fußballstadion mehr los, von den Schwefelschwaden an Silvester ganz zu schweigen.

          Wenn die Hölle auch in Zukunft ihr Gütesiegel („höllisch gut“) behalten will, dann muss auch sie auf die Vorlieben ihrer Kundschaft eingehen. Für die Veganer kann manches so bleiben, wie es ist: die siedende Metzelsuppe, der Geruch von kurzgebratenem Fleisch, das Zischen von cholesterinhaltigem Fett, das in die Glut tropft. Doch ist die Frage mehr als berechtigt, was eigentlich den Fleischfressern unter den Politikern, den Hardcore-Brexiteers, noch Angst machen könnte, wo sie doch selbst die Hölle auf Erden nicht schreckt, also Großbritannien nach einem harten Austritt aus der EU. Für Nigel Farage, den geflüchteten Ex-Ukip-Chef, dem im EU-Parlament Asyl gewährt wird, klingt die Chance auf Niedergang und Chaos in freier Selbstbestimmung „eher nach Himmel“.

          Kein Plan, weder für den Brexit noch von der Hölle

          Aber selbst dieser Vorzeige-Brexiteer hat Tusks Frage nicht beantwortet. Da sieht man wieder, dass diese Herren tatsächlich keinen Plan haben, weder für den Brexit noch von der Hölle. Unsere Hoffnung, dass wenigstens Alexander Gauland etwas Näheres dazu sagen könnte, hat sich leider auch nicht erfüllt. Der nannte Tusks Äußerung nur „eine verbale Entgleisung sondergleichen“, was in gewisser Weise sogar ein verstecktes Lob darstellt, denn auf diesem Gebiet ist Gauland ein anerkannter Fachmann.

          So müssen wir also wohl wirklich darauf warten, dass einer der Brexiteers zur Hölle fährt – und von dort zurückkehrt, etwa weil der Teufel fürchtet, dass diese Typen auch noch sein Reich spalten könnten, wie Guy Verhofstadt meinte. Dem EU-Kommissionspräsidenten Juncker, der nach eigenem Bekunden „weniger katholisch als mein guter Freund Donald“ ist (natürlich Tusk, nicht Trump), kann man freilich auch bei diesem Thema nichts Neues mehr erzählen. Juncker sagte, er habe die Hölle schon gesehen – seit er in Brüssel arbeite.

          Wenn sich Anhänger und Gegner der EU nur immer so einig wären! Dann könnten sie den ganzen Tag „Himmel oder Hölle“ spielen, wie man es im Kindergarten gelernt hat. Das wäre weit nervenschonender und billiger als der Zirkus jetzt mit den Briten. Und das gesparte Geld könnte wunderbar dazu verwendet werden, das hessische Erfolgsprojekt „Unser Knast soll schöner werden“ auf die ganze EU auszudehnen.

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