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Durchgegangen: Aber vor wem scheut der Gaul? Esken? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Tot im Graben

Den Engländern hilft in dieser dunklen Stunde nur noch schwarzer Humor. Und das Wundermittel Ingwer.

          2 Min.

          Mit der Ordnung im Unterhaus stand es schon nicht mehr zum Besten, als Parlamentspräsident Bercow – der Herr mit selbst für englische Verhältnisse ziemlich erstaunlichen Hemden – noch so fröhlich „order, order!“ rief, dass politisch ahnungslose Beobachter meinen konnten, er wolle im Pub zwei Bier bestellen. Weil nun aber auch dieser Lotse von Bord geht, droht Westminster sich endgültig so vollständig in seine Elementarteilchen zu zerlegen, dass Guy Fawkes seine helle Freude daran hätte.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Die Engländer brechen derzeit dermaßen gründlich mit ihren Traditionen und Gepflogenheiten, dass man sich fragen muss, was vom Britischen übrig bleibt, wenn Little Britain endlich die Freiheit in Armut erringt. Zum Glück ist wenigstens noch nicht der ortsübliche Sprachwitz über die Themse gegangen, ohne den der sich immer noch steigernde Irrwitz des Brexits nicht einmal mehr in Worte zu fassen wäre. In der dunkelsten Stunde hilft einfach nur noch Schwarzer Humor. Manche Redewendung weist sogar auf noch nicht bedachte Handlungsoptionen hin. Gab Boris Johnson nicht zu Protokoll, er liege lieber tot in einem Graben („dead in a ditch“), als in Brüssel um eine weitere Verschiebung des Brexits zu bitten? Dann sollte man ihm diesen Wunsch doch einfach erfüllen.

          Wer meint, das gehe zu weit, sei daran erinnert, dass zuerst in Downing Street von einem Kettensägenmassaker gesprochen wurde. Die Abgeordneten aller Parteien nahmen diese Drohung sehr ernst, wie die Parlamentsflucht zeigt, die von den Witzbolden in London „Parlamentsurlaub“ genannt wird. Den wollte immerhin ein Enkel Churchills nicht antreten, ohne zuvor noch seinen Parteifeind Rees-Mogg einen „absoluten Betrüger“ genannt zu haben. Ganz konkret zieh er ihn des Gewürz-Dopings. Er hielt diesem Brexiteer-Snob vor, zu einem Mittel zu greifen, mit dem man in England lahme Klepper wieder in feurige Rösser verwandelte, jedenfalls kurzzeitig: Man verabreichte ihnen eine Ingwerwurzel, allerdings nicht oral. Der deutsche Tierfreund entwickelt da schon beim Lesen Phantomschmerzen. Wir sind solch brennende Schärfe einfach nicht gewohnt; wie auch, wir waren ja nie Kolonialmacht in Indien.

          Bei uns ist der Ingwer nicht einmal in den Debatten über die AfD aufgetaucht, obwohl er die Abwehrkräfte stärken soll und auch der Name Gauland bei nicht wenigen Zeitgenossen die Gäule durchgehen lässt (etwa so wie der Name Blücher in Mel Brooks’ „Young Frankenstein“). Soll man nun hoffen, dass wenigstens die Grünen auf die Wunderwurzel zurückgreifen, um ihren innerparteilichen Diskurs zu würzen? Da kann man lange warten! Özdemir würde über Hofreiter doch höchstens sagen, der habe Haare wie Schnittlauch. Denn „Der ist noch grün hinter den Ohren!“ wäre erstens bei den Ökos keine Beleidigung und zweitens bei dieser Frisur schwer zu überprüfen. Und mit was würde Hofreiter dann nach Özdemir werfen? Mit Knoblauchzehen? Doch allenfalls mit einem „Wohl Tomaten auf den Augen!“. Zum Tänzeln wie Gingerol eine Mähre brächte solch welkes Gemäre das Publikum nicht.

          Leider sind die auch sprachlich pikanteren Zeiten vorbei, in denen etwa der damalige CSU-Generalsekretär Dobrindt den Koalitionspartner FDP eine „Gurkentruppe“ hieß. Heutzutage würde er selbst die Grünen doch höchstens „meine süßen kleinen Cornichons“ nennen. Die CSU ist unter Söder den Grünen so nahegerückt, dass kein Salatblatt mehr zwischen beide passt.

          Noch erstaunlicher finden wir, dass der amerikanische Präsident Trump noch nicht durch den Gemüsegarten trampelt – bei den Unmengen von Karottensaft, die er trinken muss, um diese gesunde Gesichtsfarbe zu bekommen. Angesichts der vielen unfähigen Berater, die er nach und nach zu entsorgen hat, sollte er vielleicht einmal darüber nachdenken, ob eine Brandrodung seines Kabinetts nicht die günstigere Lösung wäre. Andererseits ist Heuern und Feuern das Einzige, was Trump wirklich zu können scheint, und ein bisschen Spaß muss für einen Präsidenten auch zwischen den Golfrunden drin sein. Mit Leuten wie Bolton will man aber nicht einmal einen Krieg gegen Iran führen. Widerspricht dieser faule Apfel dem Präsidenten doch sogar noch nach seiner Absetzung! Wir rechnen daher immer noch fest mit einem Tweet Trumps, in dem der letzte Gruß an Bolton lautet: Ginger yourself!

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