https://www.faz.net/-gpf-9n2c3

Wie von der Stechuhr gestochen: Angehende Männer, die sich in der Kunst des Multitaskings üben Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Vertrauen ist gut, Stechuhr ist besser

Wie schön war es doch, als es zwischen Arbeit und Freizeit noch eine Grenze gab.

          Jetzt, da es auf die Wahl zugeht, die über das Schicksal unseres Kontinents entscheidet wie keine vor ihr, kann man nicht oft genug hervorheben, was dem organisierten Europa alles zu verdanken ist, sogar noch seinem Justizwesen. Der Europäische Gerichtshof hat nun selbst daran erinnert, indem er rechtzeitig vor dem Urnengang endlich der unendlichen Ausbeutung der Europäer durch ihre Arbeitgeber einen Riegel vorschob.

          Denn nun ist Schluss mit der „Vertrauensarbeit“, dieser beschönigenden Propagandaformel für unbezahlte und noch nicht einmal erfasste Überstunden, auf die so viele hereinfallen, weil sie vom Gemurmel von Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Selbstverwirklichung und so weiter begleitet wird. Wie ein Fallbeil ließ der EuGH die Stechuhr auf die Arbeitgeberverbände niedersausen, die erwartungsgemäß aufschrien wie von derselbigen gestochen.

          Damit das aber auch jüngere User verstehen, die diese und andere Nachrichten nur noch auf ihrer Smartwatch lesen (wenn überhaupt), muss man wohl erst einmal erklären, was eine Stechuhr ist. Mit diesem Instrument wurde in dem dunklen Zeitalter, in dem alles noch analog war, die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit markiert, die es damals wirklich gab, so unglaublich das klingt.

          Das Erste und das Letzte, was ein Werktätiger an jedem Arbeitstag auf dem Werksgelände tat, war, seine Stechkarte in die Stechuhr zu stecken, die „beim Stechen lustvoll stöhnt“, wie „Geier Sturzflug“ seinerzeit sang. In jener Fabrik, in welcher der Autor als Schüler seinen bescheidenen Beitrag zur Steigerung des Bruttosozialprodukts erbrachte, klang die Uhr zwar nicht ganz so ekstatisch. Doch den hellen Ton, mit dem sie die Beschäftigten in die Freiheit und Freizeit entließ, vermissen wir eigentlich jeden Tag ein bisschen mehr.

          Denn, wie schon Lenin wusste: Vertrauen ist gut, Stechuhr ist besser. Seit auch die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben so offen ist wie Deutschland im Flüchtlingsherbst 2015, strömen zu jeder Tages- und Nachtzeit unzählige E-Mails aus aller Herren Ländern unkontrolliert in unser Postfach, als gäbe es kein Morgen. Und wehe, man antwortet nicht sofort! Dann ist man hoffnungslos ineffiziente „old economy“.

          Männer haben bekanntlich ein besonders großes Problem mit dem Multitasking, das seit der Liquidierung der Stechuhr jedenfalls in den Vertrauensarbeitsbranchen von ihnen verlangt wird, nicht zuletzt im Journalismus. Zu den paradiesischen Hochzeiten der Stechuhr hieß es: „Samstags gehört Vati mir.“ Heute aber gehört er dann den Kindern (zumindest sein Laptop), der Ehefrau oder dem Ehemann, dem Hund, dem Arbeitgeber und auch sonst noch der ganzen Welt, es sei denn, er schmeißt sein Handy ins Klo und flüchtet sich auf den Flohmarkt, ins letzte Reservat des vollanalogen Lebens und Handelns.

          Aber auch Frauen, die erfahrungsgemäß mit multiplen Herausforderungen besser klarkommen, scheinen hin und wieder Schwierigkeiten mit der Vertrauensarbeit zu haben, jedenfalls, wenn es um eine Vertrauensdoktorarbeit geht. Franziska Giffey schrieb ihre Dissertation ganz offensichtlich im Vertrauen darauf, dass jedenfalls sie keine Stechuhr brauche, um ihre Aufgaben als Europabeauftragte, Dozentin, Doktorandin und werdende Mutter unter einen Hut zu bringen.

          Die SPD-Vorsitzende Nahles hat sogar heute noch „vollstes Vertrauen“, dass das der Familienministerin damals gelungen ist – jenes vollste Vertrauen, das auch Annette Schavan bei Kanzlerin Merkel genoss, mindestens bis zum Verlust des Doktortitels.

          Plagiatsjäger äußerten nach zahlreichen Stichproben jedoch erhebliche Zweifel an der Hieb- und Stichfestigkeit der Arbeit. Ausschlaggebend für die weitere Karriere der Doktorin von Neukölln beziehungsweise Köpenick wird nun wohl das Urteil der Freien Universität Berlin sein. Wann es ergeht, wissen nur die Universitätsgötter, also die Professoren, denn im Hochschulgesetz steht nichts von einer Frist bei einer solchen Überprüfung.

          Es ist also durchaus möglich, dass die Uni gnädigerweise erst zu einer Entscheidung kommt, wenn sie, rein politisch betrachtet, nicht mehr relevant ist. Denn dem Bündnis von Union und SPD und damit auch der Bundesministerin Giffey dürfte in jedem Fall in absehbarer Zeit das letzte Stündlein schlagen, ob mit Stechuhr oder ohne.

          Weitere Themen

          Gewalt in Hongkong eskaliert Video-Seite öffnen

          Monatelange Proteste : Gewalt in Hongkong eskaliert

          Seit mehr als drei Monaten halten die Demonstrationen der Pro-Demokratie-Bewegung nun schon an. Die Gewalt scheint immer häufiger hoch zu kochen, es kam auch wieder zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten.

          Topmeldungen

          An der Seite von Olaf Scholz: Die Brandenburger SPD-Politikerin Klara Geywitz bewirbt sich mit dem Finanzminister um den SPD-Vorsitz.

          Kritik an Geywitz : SPD-Harmonie mit Rissen

          Mit der ungewohnten Einigkeit, die die SPD derzeit ausstrahlt, ist es schon wieder vorbei. Kandidatin Geywitz wird heftig kritisiert. Getroffen werden soll aber eigentlich ein anderer.
          „Stoppt Femizide“: Femen-Aktivistinnen demonstrieren in Paris, Juli 2019

          Partnerschaftsgewalt : Du gehörst mir!

          Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Oft geht es dabei um Macht und Kontrolle. Auch Maria musste deshalb sterben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.