https://www.faz.net/-gpf-8mdl9

Fraktur : Verdienstkreuz am Kabelbinder

Drei Ex-Syrer ohne Kontrabass: Heldenhafte und schon perfekt integrierte Migrantenwehr Bild: Wilhelm Busch

Der rehabilitierte Held: Das sind eben noch echte Kerle, diese Syrer!

          Wir haben unseren Ohren und Augen nicht getraut, aber das Wort ist wirklich gesagt und geschrieben worden, mehrfach. Ohne dass es einen Aufschrei oder wenigstens eine Lichterkette gegeben hätte! Dabei war der Held im Ansehen der Deutschen, insbesondere ihrer Politiker, tief gefallen, seit er in hoher Zahl auf den ehemaligen Feldern der Ehre geblieben war. In der DDR wurde er danach allenfalls als Streber unter den Arbeitern geduldet, im Westen – nach dem Zwischenspiel von Bern – nur noch als Tenor, weil es ohne den auf dem Grünen Hügel einfach nicht geht. Damit aber wirklich keiner die Verstrickung des deutschen Helden in die deutsche Vergangenheit vergessen konnte, musste er immer wieder einmal in SS-Uniform singen.

          Doch nun ist der Held vollständig rehabilitiert worden. Zu verdanken hat er das nicht etwa der AfD, sondern drei zupackenden Syrern. Da soll noch mal einer sagen, wir profitierten nicht vom Zuzug aus den Kriegsgebieten der Welt. Es kamen nämlich nicht nur Zahnärzte, Krankenschwestern und hochqualifizierte Sprengstoffspezialisten zu uns, sondern auch waschechte Helden, die sich sicher nicht zufällig in der Heldenstadt Leipzig niederließen. Köln war ihnen wohl zu feige. Die Kanzlerin hat sie denn auch gleich belobigt. Das sind eben noch echte Kerle, diese Syrer! Wenigstens sie haben noch nicht die ursprüngliche Bedeutung von „male bonding“ vergessen.

          Ist das nicht überhaupt die Lösung für viele unserer Probleme? Wir stellen einfach eine mobile Aufgreiftruppe aus dafür geeigneten Asylanten auf, quasi eine Migrantenwehr. Sie könnte sich, gänzlich unbelastet von unserer Vergangenheit, diese wieselflinken Terroristen schnappen, denen unsere Polizisten nicht mehr folgen können, weil sie im Einsatz aufgerödelt sind wie früher nur die Gebirgspioniere, wenn sie ins Winterbiwak zogen. Außerdem muss die richtige Polizei ja Präsenz in den sogenannten sozialen Medien zeigen, getreu ihrem Motto: Die Polizei, dein Freund und Follower. Da kann ihr in der richtigen Welt schon mal einer durchs analoge Netz schlüpfen. Aber nicht unseren Syrern!

          Bevor nun jedoch erwogen wird, wegen der heroischen Tat von Leipzig den Heldengedenktag auf den Oktober vorzuverlegen, müssen wir doch etwas Wasser in den Wein dieser schon wieder ins Unkritische kippenden Heldenverehrung schütten. Unserer aktuellen Leitkultur und unserem Verständnis von Chancengerechtigkeit entsprach dieser Akt der Selbstjustiz ja nicht ganz (drei gegen einen!). Und könnte wirklich ein Land unser Land bleiben, in dem man bei der Post Packsets nicht nur für Pakete, sondern auch für Passanten kaufen kann, die einem verdächtig vorkommen? Man stelle sich vor: Man geht „Unter den Linden“ so vor sich hin, nichts zu schreiben, das ist der Sinn – und wird von drei Migranten aus Moskau ergriffen, verschnürt und bis zum Eintreffen der wegen erhöhten Tweetaufkommens verhinderten Polizei in den Kellern der russischen Botschaft aufbewahrt, bloß weil die Greifer einen mit einem F.A.Z.-Herausgeber verwechselt haben. Gut, dieses Gedankenspiel erschüttert jetzt nicht jeden Leser, aber man könnte anstelle der russischen Botschaft auch die amerikanische einsetzen, wovon wir jedoch dringend abraten möchten, weil dann eine Massenhysterie droht, siehe TTIP.

          Was aber machen wir jetzt mit unseren syrischen Helden, die nun auch noch zu tragischen geworden sind? Bundesverdienstkreuz am Kabelbinder? Oder gleich in der höchsten Stufe, also mit Handschellen und Fußfesseln? Ehreneinbürgerung? Solcher Bindungswille bei Flüchtlingen muss unbedingt belohnt werden. Seid umschlungen, Millionen (aber bitte wirklich nur im Notfall mit dem Verlängerungskabel)! Es gibt ja viele andere Möglichkeiten, mit denen Einwanderer ihre Verbundenheit mit unserem Staat beweisen können. Im Landkreis Meißen trat jetzt zum Beispiel ein Syrer aus Dankbarkeit und voller Bewunderung für Merkel in die CDU ein. Das ist doch ein Anfang! Die Syrer könnten nach ein bisschen Reeducation, die uns ja auch nicht geschadet hat, doch das werden, was der CDU immer mehr fehlt und was die Deutsch-Türken für die SPD schon sind: Stammwähler. Dann könnte der CDU-Parteitag zur Abwechslung einmal mit einem anderen bekannten Lied enden, dessen Text nur leicht angepasst werden müsste: „Drei Ex-Syrer mit dem deutschen Pass, saßen auf der Straße und fingen sich schnell was, da kam die Polizei, fragt, was ist denn das, drei Ex-Syrer ...“

          Weitere Themen

          Muss sich der FC Bayern fürchten?

          Leipziger Hochgefühl : Muss sich der FC Bayern fürchten?

          Die Kräfteverhältnisse verschieben sich: RB empfängt die Bayern als Tabellenführer. Und die Sachsen wollen sich mit einem Unentschieden nicht zufriedengeben. Dabei hoffen sie auf das gewisse Etwas ihres neuen Trainers.

          Topmeldungen

          Eckpunktepapier : Ist das Klimapaket eine Mogelpackung?

          Umweltverbände halten das „Klimaschutzprogramm 2030“ für unzureichend und werfen der Bundesregierung Ignoranz vor. Aus der Wirtschaft gibt es mehr Lob, doch auch dort gibt es Zweifel an dem Paket.
          Den Jakobsweg läuft man nicht an einem Wochenende. Das geht nur mit einer Auszeit.

          Die Karrierefrage : Wie komme ich an ein Sabbatical?

          Einfach mal die Seele baumeln lassen, Kraft tanken, den Horizont erweitern: Eine Auszeit vom Beruf wollen viele. Wie aus dem Wunsch Wirklichkeit wird, erfahren Sie hier.
          Das Baden ist untersagt, aber es kostet nichts: Schwanenpaar mit menschlichen Passagieren auf dem Eisbach im Englischen Garten

          Aufwachsen in München : Ja mei, die jungen Leute

          München ist das teuerste Pflaster Deutschlands. Das ist hart für Jugendliche und Heranwachsende, die noch kaum Geld verdienen. Die Stadt hilft ihnen, indem sie bei zivilem Ungehorsam wegschaut.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.