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Zuletzt beim Alten Fritz? In Berlin ging schon lange nichts mehr glatt. Bild: Getty

Fraktur : Die Qual der Wahl

Müssen in Berlin wirklich noch einmal alle Parteien auf dem Stimmzettel stehen? Auch die Entscheidung zwischen Schlottern und Surfen fällt nicht leicht.

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          Falls Sie in Berlin noch immer anstehen, um endlich an der Bundestagswahl teilnehmen zu können, bleiben Sie unbedingt in der Schlange! So sichern Sie sich schon mal eine gute Ausgangsposition für die Nachwahl, zu der es noch vor Ende der Legislaturperiode kommen soll. Allerdings nur, wenn alles glattgeht. Doch wann war das in Berlin zuletzt der Fall? Zu Bismarcks Zeiten oder doch eher beim Alten Fritz?

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Derzeit berät die Ampelkoalition, ob Nachwahlen nur in Schaltjahren sowie in Monaten mit X stattfinden dürfen und ob überhaupt alle Parteien unbedingt noch einmal auf dem Zettel stehen müssen. Grün und Gelb würden doch völlig reichen, finden FDP und Grüne. Ohnehin führt ein zu ­großes Angebot zu körperlichem Unwohlsein („Wer die Wahl hat, hat die Qual“), und das wiederum verstößt eindeutig gegen die Menschenrechte. Die Wahlbeobachter der Vereinten Nationen haben bereits die Füllfederhalter in der Hand, um Blauhelme in die Hauptstadt zu beordern.

          Das hat sich schon in der DDR bewährt

          Alternativ sollen erfahrene Ost-Berliner vorgeschlagen haben, doch einfach Einheitslisten zu bilden, die Bürger bei Zustimmung lediglich noch falten müssten. Zudem könnten Helfer per „fliegender Wahlurne“ auch nach Hause kommen, damit kein Wähler zurückgelassen wird. Dieses kundenfreundliche System hatte sich schon in der DDR bewährt, weil sich so blitzschnell und effizient wählen lässt, wie man es jüngst auch in der Südostukraine wieder sehen konnte. Das Beste daran ist, dass sich mit dieser Methode sogar ohne Auszählung überwältigende Siege einfahren lassen.

          Der Vorschlag schaffte es aber nicht einmal bis zur Anhörung, weil Ostdeutsche in der Bundesrepublik bekanntlich nichts zu sagen haben. Wäre es anders, hätten wir diese Woche zum Beispiel auch zwei Feiertage und damit zwei lange Wochenenden haben können: am Montag den Tag der Deutschen Einheit und am Freitag den Tag der Republik. Einigkeit und Recht auf Freizeit!

          Am Tag der Republik freilich hätte Olaf Scholz traditionell eine Militärparade abnehmen müssen, aber wer wollte den Bundeskanzler nebst Kabinett denn stundenlang an einer leeren Straße stehen lassen? Was uns wiederum an den zutiefst besorgten Einwand eines Bürgers bei einer öffentlichen Diskussion erinnert, der verzweifelt vor einem Dieselfahrverbot warnte, weil dann doch Panzer nicht mehr zur Landesverteidigung ausrücken dürften. Abgesehen davon, dass dazu überhaupt ein Panzer verfügbar zu sein hätte, muss der Mann weiter beunruhigt werden: Diesel ist so teuer, dass ihn sich nicht einmal mehr die Bundeswehr leisten kann. Lässt sich denn dagegen gar nichts machen? Auch hier hülfe ein Blick gen Osten, in diesem Fall zu Väterchen Lukaschenko, der am Donnerstag in Belarus jegliche Preiserhöhung per Dekret ab sofort verboten hat. Nimm das, Inflation!

          Corona-Masken sind billiger als Gas

          Weiterhin sollen auf Lukaschenkos Verbotsliste noch Regen, Probleme und natürlich die Schwerkraft stehen, die ihn schon ein Leben lang unnötig klein aussehen lässt. Doch wir schweifen ab, deshalb schnell zurück ins Inland, wo sich die Lage an der Brennstofffront zuzuspitzen scheint. Die Bundesregierung will jetzt rund 800 Millionen Corona-Schutzmasken verbrennen lassen. Nicht, um das Ende der Pandemie zu feiern, sondern weil angeblich das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Dabei dürften die seinerzeit von Jens Spahn, dem alten Sparfuchs, zum Stückpreis von gut einem Euro beschafften Energieträger immerhin billiger sein als Gas.

          Entspannung könnte es dagegen bald bei Benzin und Diesel geben. Einer Umfrage der Telekom zufolge würden die Deutschen nämlich eher auf ihr Auto als auf WLAN verzichten. Viele kennen das von ihren Kleinsten, die sich, kaum hat man ihnen einen Baukasten überreicht, danach erkundigen, ob der WLAN hat. Alles in allem wäre das aber auch eine gute Nachricht für den Gasverbrauch, denn laut Telekom behindern Fußbodenheizungen die WLAN-Funktion enorm. Damit dürfte klar sein, welche der beiden Errungenschaften in Deutschlands Wohnungen in diesem Winter ausgeschaltet bleibt. Lieber schlottern als nicht schnurlos surfen! Und noch vor Weihnachten werden die Gasspeicher überlaufen.

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