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Fraktur : Herr Chrupalla erzählt vom Zelten

  • -Aktualisiert am

Ort für viele körperliche Bedürfnisse Bild: Picture Alliance

Warum AfD-Politiker womöglich nicht stubenrein sind und so viele Menschen in Nordrhein-Westfalen keinen Bock haben, zu wählen.

          2 Min.

          Bald nun ist Urlaubszeit! Nach diesem Hammereinstieg er­warten Sie zu Recht Reisetipps, die wir trotz der Containerknappheit auf dem Weltmarkt pünktlich liefern. Es geht nämlich schon mit dem Zelten los, oder dem Camping, wie es der polyglotte AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla diese Woche nannte. Dabei kann man sehr viel falsch machen, wobei wir hier nicht vom Campingplatz an sich, sondern von der Art der Zeltnutzung sprechen. Chrupalla, der alte Wortfuchs und Metaphernmarder, schilderte jedenfalls diese Woche angesichts aufkommenden Unmuts in den eigenen Reihen wegen der unter seiner Führung erzielten Wahlpleiten sein vermutlich schlimmstes Ferienerlebnis: Früher hätten sich auch immer diejenigen über ein nasses Zelt beschwert, die zuvor selbst hineingepinkelt hätten.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die kollektiv schockierte Bundespressekonferenz spitzte die Bleistifte: War sie nach der schon ein paar Dekaden zurückliegenden Enthüllung des Zwangstopfens kleinster DDR-Bürger, denen Professor Pfeiffer mit drei F zufolge deshalb der Weg in die Demokratie verstopft zu sein schien, hier abermals üblen SED-Hinterlassenschaften auf der Spur? Gibt es womöglich einen kausalen Zusammenhang zwischen Zelt_Innenpinkelei und AfD-Affinität? Und was würde noch alles kommen, zumal Chrupalla die ganze Zeit auch von Kakophonie sprach, einem Wort, das er permanent auf der ersten Silbe betonte, mit c vor dem zweiten K?

          Doch der AfD-Chef war an jenem Morgen offensichtlich mit dem falschen Fuß aus dem Zelt gestiegen und in seine Wahlschlappen gerutscht. Denn früher hätte er umstandslos den „Altparteien“ vorgeworfen, das Wasser nicht halten zu können; heute bescheinigte er den eigenen Kameraden, nicht stuben- respektive zeltrein zu sein. Letztere wiederum fragen sich nun, warum der Mann überhaupt noch von dort oben dozieren darf angesichts immer neuer Wahlergebnisse, die gerade mal dem Alkoholgehalt eines handelsüblichen Pilsners entsprechen. Ein solches wiederum schien Chrupalla an jenem Morgen vorbereitend konsumiert zu haben (der „Elferzug“, wie es in seiner Heimat heißt), denn er musste anschließend auffallend schnell verschwinden. Uns wundert das nicht, kennen wir doch die Bauernregel: Bier am Morgen unerreicht, eins getrunken, vier geseicht.

          Man könnte vom Osten lernen

          Doch genug des Schabernacks auf Kosten von Kleinstparteien. Vielmehr müssen wir über die größte Partei reden, die genau genommen gar keine ist: die der Nichtwähler. 45 Prozent sind in Nordrhein-Westfalen nicht zur Landtagswahl gegangen. So wurden sie selbst ohne Überhang- und Ausgleichsmandate eindeutig zur stärksten Kraft, dürften damit aber allenfalls noch vor dem Landtag kampieren. Die Kanzlerpartei SPD kann sich ihre Verluste nicht erklären, zumal die Parteiführung ihre Leistung seit der Regierungsübernahme in Berlin auf einer Skala von exzellent bis überragend selbstkritisch in der Mitte einordnet. Und Olaf Scholz bekannte diese Woche sogar, für kurze Fototermine nicht zur Verfügung zu stehen, vielmehr müsse es „immer um ganz konkrete Dinge“ gehen. Aber was heißt das? Dass auch ein Film in die Kamera eingelegt ist? Oder doch schwere Waffen nach Düsseldorf?

          Wir finden, es fehlt auch an der richtigen Einstellung. Und da könnte man durchaus mal vom Osten lernen. In der DDR nämlich gingen die Leute wählen, obwohl es gar nichts zu wählen gab. Macht der Gewohnheit! Man ging ja auch einkaufen. Und hat dabei an der Kasse mächtig gespart. Das war ressourcenschonend und damit ein wichtiges Thema vor allem für junge Leser, die gleichwohl auch diesbezüglich noch von den alten lernen können. In Chemnitz nämlich zog die Polizei am Mittwoch ein Auto aus dem Verkehr, dessen 61 Jahre alter Fahrer sich mit einem DDR-Reisepass auswies. Ein solcher war einst so rar, dass gar nicht einzusehen ist, warum er heute ungültig sein sollte. Dem Vernehmen nach wollte der Mann zum Zelten, nur war sein Auto weder zugelassen noch versichert, hatte dafür aber ein Phantasiekennzeichen. Seine Angehörigen mussten daraufhin tun, was Politikern im Wahlkampf empfohlen wird: die Leute dort abholen, wo sie sind. Selbst wenn es ein Autobahnparkplatz ist.

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