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Fraktur - Die Sprachglosse : Loyalitätsdelikt

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold: Was die Öffentlichkeit nicht weiß, macht sie nicht heiß. Bis es dann doch herauskommt. Bild: Wilhelm Busch

Warum man noch einmal darüber nachdenken sollte, ob es richtig ist, die Steuerhinterziehung in Bausch und Bogen zu verdammen.

          Es stimmt natürlich: Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt, was man schon daran sehen kann, dass eine höchst emanzipierte Frau bereits vor langer Zeit diese angeblich letzte Männerdomäne für sich eroberte, wenn auch zunächst nur heimlich. Die Empörung über die nun im Wochentakt bekanntwerdenden Fälle ist berechtigt und erst recht die über die nicht bekanntwerdenden. Denn was könnte der Staat mit dem ihm vorenthaltenen Geld nicht alles anfangen: Frauenhäuser bauen, griechische Staatsanleihen erwerben, der Kanzlerin endlich ein abhörsicheres Handy kaufen und natürlich noch mehr CDs mit gestohlenen Bankgeheimnissen.

          Steuerhinterziehung ist also ein Verbrechen an den Frauen, den Griechen und der Kanzlerin, und damit ist eigentlich schon alles Nötige gesagt – wenn nicht in der Debatte ein Wort gefallen wäre, das aufhorchen ließ. Dass der Regierende Bürgermeister von Berlin über das ihm bekannte Steuervergehen seines Kulturstaatssekretärs Schmitz schwieg wie ein Grab, erklärte der Berliner SPD-Vorsitzende Stöß mit „Loyalität“. Loyalität zu einem Steuerhinterzieher? Das mag beim FC Bayern kein Problem sein – aber bei der SPD? Der Fall brachte die neue Generalsekretärin schon ziemlich in Bedrängnis. Dabei hätte sie nur Stöß zitieren müssen, der die „menschliche Loyalität“ zwischen zwei politischen Weggefährten gemeint haben will. Und das ist ja etwas ganz anderes.

          Dass Wowereit Schmitz aus diesem Grund jahrelang deckte, ist freilich keine geringere Sensation. Denn nach zwei Politikern, die nach Jahren noch loyal zueinanderstehen, muss man lange suchen, erst recht, wenn sie auch noch derselben Partei angehören sollen. Der Normalfall sieht doch ganz anders aus. Man denke nur an den bemitleidenswerten Peter Ramsauer, der seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr so gedemütigt wurde wie zuletzt durch seinen Parteifreund Seehofer. Auch bei der Entsendung von Annette Schavan nach Rom handelt es sich nur vorgeblich um eine Belohnung für bedingungslose Loyalität unter Frauen. Die Hellsichtigen im Vatikan haben natürlich längst erkannt, dass Schavans Berufung zur Botschafterin beim Heiligen Stuhl in Wahrheit die späte Rache einer Pfarrerstochter für die Gegenreformation ist.

          Wenn also im Umfeld eines Steuerdelikts ein derart ungewöhnliches, starkes und hehres Gefühl wie Loyalität entsteht, dann muss man schon noch einmal darüber nachdenken dürfen, ob es richtig ist, eine solche Tat in Bausch und Bogen zu verdammen. Natürlich ist es jetzt ein Leichtes, über den armen Bürgermeister herzufallen, der sich im Skiurlaub gar nicht wehren kann. Hat mal einer daran gedacht, mit welchem Konflikt er sich herumquälen muss, seit Schmitz sich ihm offenbarte? Seither muss Wowereit sich doch fragen, was besser ist: dass Schmitz mit den hinterzogenen Steuern etwas Gescheites anfängt, zum Beispiel einen neuen Grill kauft, oder dass er, Wowereit, die von Schmitz nachgezahlten Steuern auf der Flughafendauerbaustelle verbrät, ohne dass irgendwer etwas davon hat. Eine Freundschaft, die solche Loyalitätskonflikte aushält, ist schon ein Loyalitätsdelikt wert.

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