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Fraktur : Bunte Gesellschaft

In allen Farben des Regenbogens: Nie den Glauben an das Bunte im Menschen verlieren! Bild: Wilhelm Busch

Auch in Bayreuth weht nun der Wind der Toleranz. Fast durchgehend.

          3 Min.

          Einmal im Jahr wird der Grüne Hügel richtig bunt: Dann pilgern die Wagnerianer und jene, die wenigstens dafür gehalten werden wollen, mindestens zur Hälfte in farbenfrohen Roben hinauf zur teuren Halle, auf dass sie von aller Welt gesehen werden und selbst sehen, was noch alles an Verborgenem aus dem Werk des Meisters herauszuholen ist, das ja unglaubliche Interpretationen zulässt, wie auch das Œuvre Wilhelm Buschs.

          Noch nie aber schillerte das Festspielhaus derart üppig in allen Farben des Regenbogens wie bei der diesjährigen Premiere, obwohl die Zeichen gar nicht gut dafür gestanden hatten. Die Gottschalks kamen nämlich nicht einmal getrennt. Diesen Ausfall an Bling-Bling machte freilich schon Gloria von Thurn und Taxis allein dadurch wett, dass sie ihren Bayerischen Verdienstorden mit Damenschleife trug, der selbst noch den abgebrühtesten Kenner der Phaleristik ins Schwärmen brachte.

          Und dann führte ja auch noch unser ehemaliger Bundeskanzler Schröder seine Fünfte auf, die in mutmaßlich koreanischer Nationaltracht erschien und damit neidische Blicke von Frauen auf sich zog, die schon seit Jahrzehnten immer mit demselben Mann nach Bayreuth müssen. Warum der Gatte der amtierenden Bundeskanzlerin, obwohl zweifellos ein weit besserer Wagner-Kenner und -Liebhaber als Schröder, nicht zur Hitzeschlacht in Franken antrat, in die selbst Stoiber – Stoiber! – mit offenem Hemd zog, wurde nicht bekannt. Vielleicht weil dem Professor Sauer der Zirkus auf dem Hügel inzwischen zu bunt ist? Aber dafür brachte Spahn seinen Mann mit. Staatsministerin Bär kam, mit sicherem Gespür für die Farbe des Abends, in Pink. Dieses Mal bestand ihr Outfit jedoch nicht aus Latex, das klebt bei solchen Temperaturen ja so.

          Um die bunte Gesellschaft im Parkett auf der Bühne zu toppen, musste Regisseur Kratzer sich schon ziemlich anstrengen. Man kann sagen, er hat es geschafft. Sagenhaft, dass es ihm gelang, Helene Fischer als Venus zu verpflichten! Nicht nur sie vermittelte dem Publikum erstmals eine zeitgemäße Vorstellung davon, wie es in ihrem sündigen Berg wirklich zugeht, und zwar geschlechterübergreifend. Das war besonders der Dragqueen Le Gateau Chocolat zu verdanken. Sie hopste, ganz in rosa Tüll gehüllt, nicht nur durch den ganzen Tannhäuser, sondern in der Pause auch noch um den Weiher unterhalb der Weihestätte, begleitet stets von einem Zwerg, der jederzeit auch Tyrion Lannister spielen könnte. Der heimlichen Königin des Sängerkriegs, die der Elisabeth nur beim Gesang nicht die Schau stehlen konnte, blieb es auch vorbehalten, den politischen Höhepunkt des Abends zu setzen: das Hissen der Regenbogenfahne. Für ganz Begriffsstutzige zog sie am Ende auch noch Kniestrümpfe mit der Aufschrift „gay“ an. Leider kam es dann aber wohl auf ihrer Seite zu einem bedauerlichen Missverständnis bei der Interpretation der Publikumsreaktionen.

          Denn dass der Geist und die Flagge der Toleranz nun auch auf dem Grünen Hügel fast durchgehend wehen, ist eine so unbestreitbare wie erfreuliche Tatsache. Man muss doch bloß bedenken, dass bis vor wenigen Jahren eine Inszenierung nur dann als ausreichend problembewusst galt, wenn das Hakenkreuz zu sehen war und finstere Typen in schwarzen Uniformen und Schaftstiefeln über die Bühne marschierten. Wenn aber selbst Bayreuth mit der Bewältigung seiner und unserer Vergangenheit fertig ist, dann können wir uns doch hoffentlich endlich neuen Problemen zuwenden.

          Die nächste Konfliktlinie deutet sich nämlich schon an. Der Dirigent des neuinszenierten Tannhäusers, Gergiew, kassierte die Buhrufe angeblich nicht dafür, dem Orchester nicht alles abverlangt zu haben, sondern für die ihm zugeschriebene Neigung, homophob zu sein. Er bestreitet das. Doch leidet seine Glaubwürdigkeit darunter, dass er als Freund Putins bekannt ist. Und Trump würde man ja auch nichts mehr abnehmen, schon gar nicht ein solches Dementi.

          Vor diesem Hintergrund sollte man Schröders unerwartetes Auftauchen im Festspielhaus vielleicht doch nicht als den ortsüblichen Exhibitionismus verstehen, sondern als ostentative Unterstützung eines anderen Dieners seines Herrn. Das wäre eine edle Tat ganz im Sinne Wagners. Wir wollen jetzt einfach einmal annehmen, dass das Schröders tieferer Beweggrund war. Man soll schließlich, das ist ja auch die in dieser Inszenierung wunderbar herausgearbeitete Botschaft des Tannhäusers, nie den Glauben an das Bunte im Menschen verlieren.

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