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Flüchtlingspolitik : Nichtstun im gelobten Land

  • -Aktualisiert am

Im Lager Hal-Far: Eine Somalierin im Oktober dieses Jahres; im Hintergrund ein maltesischer Soldat Bild: REUTERS

In Malta harren Tausende Flüchtlinge aus, die meisten von ihnen aus Afrika, aus Bürgerkriegsländern wie Eritrea und Somalia. Eine Perspektive haben sie bislang nicht – aber immerhin einige Helfer. Wenn auch nicht in der Politik.

          Petros und seine Schwester können kaum mehr tun als reden. Gleichviel, ob sie „zu Hause“ – das heißt: im Lager – sind, vor dem Krankenhaus auf eine Routineuntersuchung oder vor dem Büro des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR warten. Nur die Worte sind ihnen geblieben. Eben stehen Petros und seine Schwester mit einigen Schicksalsgenossen aus Eritrea an der Bushaltestelle vor dem Stadttor von Valletta. Mit einem Bus der Linie X4, welche die Gegend von Flughafen und Lager mit der maltesischen Hauptstadt verbindet, sind sie hergefahren. Die zierliche Frau kuschelt sich an ihren großen Bruder, aber ihre Füße werden dadurch nicht warm. Sie trägt noch immer dieselben Flipflops, die ihr jemand zusteckte, als sie sich im Sommer an das Ufer der Insel retten konnte. Jetzt aber, obwohl der kleinste EU-Staat einige Kilometer näher am Äquator liegt als Tunis, pfeift der kalte Winterwind über Malta. Petros sagt, er und seine Schwester erhielten von der Regierung jeweils 130 Euro im Monat und freie Unterkunft in ihrem Lager Hal-Far. „Der Bus ist gratis, aber sonst ist das Leben teurer als daheim“, fügt er hinzu. Daheim, das ist, oder war, Asmara, die Hauptstadt von Eritrea. Der Schuhkauf wird lange beraten.

          Nichts haben die Asylsuchenden auf Malta mehr als Zeit zum Erzählen. Da kommt Rupert Neudeck gerade recht. Er setzt sich seit der Rettung der vietnamesischen Boat People auf die Cap Anamur 1979 weltweit für Flüchtlinge ein. Neudeck kennt auch Asmara und hat so schnell ein Thema, über das er mit Petros sprechen kann. Petros berichtet, er habe in Eritrea gerade sein Politikstudium begonnen, als der Bürgerkrieg das Leben seiner Familie zerstört habe. „Unser Vater war verhaftet worden, die Mutter ist nach einem Besuch im Kerker bei ihm nicht mehr zurückgekehrt“, erzählt Petros. „Schließlich brachen Kämpfe in unserem Viertel aus, und wir igelten uns im Haus ein.“ Mit großen Augen hört die Schwester ihren 25 Jahre alten Bruder reden; die 21 Jahre alte Frau kann kein Englisch, versteht darum wenig. „Zum Schluss sind wir zu einem Onkel in ein Dorf aufs Land geflohen, da war noch mein kleiner Bruder dabei. Isajas war 17, jetzt ist er tot.“ Die Geschichte, die Petros dann von der etwa ein Jahr währenden Flucht nach Europa erzählt, ist nur drei Kaffees und einen Schuhkauf auf einem Trödelmarkt in der Nähe der Hauptstraße von Valletta kurz – aber sie wird ihn und seine Schwester ein Leben lang verfolgen.

          Es wird eng im Zwergstaat

          Auf dem Weg zum Markt fallen die vielen anderen afrikanischen Migranten auf. Die meisten von ihnen kommen aus Eritrea und Somalia, einige aus Mali und Nigeria. 15 Prozent der Asylsuchenden auf Malta sind aus Syrien geflohen. Zurzeit halten sich wohl insgesamt 8.000 Migranten auf Malta auf, mischen sich auf den 316 Quadratkilometern des Inselstaats unter die gut 420.000 Malteser, die ohnehin schon dicht beieinander leben. Schon gibt es in der Nähe des Flughafens eine kleine Ansiedlung, in der bald die Mehrheit aus Migranten bestehen wird. Dorthin zogen zunächst Flüchtlinge, die wie „Mario“ in Malta Asyl erhielten. Er nenne sich Mario, weil er sich integrieren wolle und dafür sei sein muslimischer Name nicht hilfreich, sagt der bald 30 Jahre alte Mann im weißen Overall, der in der im vom Malteser-Orden gebauten Kathedrale den Kunsthistorikern zuarbeitet, die gerade das Chorgestühl rechts vom Hauptaltar restauriert haben. Mario konnte nachweisen, dass man ihn in seinem Heimatland Somalia verfolgte. Jetzt wohnt er im „schwarzen Dorf“ und zog andere Migranten nach, auch viele aus dem Lager Hal-Far, wo Petros und seine Schwester leben. Manche seien gewiss auch illegal auf der Insel, dazu aber will sich Mario nicht äußern. Er ist glücklich über seinen Job. „Erst wenn man auch arbeiten darf, einen der wenigen Arbeitsplätze findet und Geld verdient, ist man wirklich frei“, sagt er.

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