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Flüchtlingskrise : Wie sollen die Flüchtlinge wohnen?

  • -Aktualisiert am

Altbauten in Berlin: So lässt es sich leben. Wenn man die Miete zahlen kann. Bild: euroluftbild.de/Robert Grahn

Wer sich in Deutschland integrieren soll, braucht nicht nur ein Dach über dem Kopf. Er braucht ein Zuhause. Darum müssen sich unsere Städte verändern.

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          Der Politikwissenschaftler Ivan Krastev hat unlängst die These aufgestellt, dass Touristen und Flüchtlinge die beiden Gesichter der Globalisierung symbolisierten: „Der Tourist ist der gute Ausländer. Er kommt, gibt Geld aus, lächelt, bewundert und geht wieder. Er gibt uns das Gefühl, mit der weiten Welt verbunden zu sein, ohne dass er uns deren Probleme aufzwingt. Der Flüchtling, der gestern noch Tourist hätte sein können, steht dagegen für die bedrohliche Seite der Globalisierung. Er bringt das ganze Elend und die Probleme der Welt draußen mit. Er ist unter uns, aber er gehört nicht zu uns und steht zudem oft noch unserer Kultur kritisch gegenüber.“

          So einprägsam dieses Bild auch ist, so wenig darf es den Blick auf die Frage verstellen, die sich anschließt, sobald die Migranten einmal hier sind: nämlich die des gesellschaftlichen Miteinanders in bestimmten Räumen. Mag ihre Integration vornehmlich über Sprache, Bildung und Arbeit erfolgen, so müssen Flüchtlinge doch zunächst einmal unterkommen. Das meint nicht nur ein vorübergehendes Dach über den Kopf, sondern ein Zuhause – und sei es bloß temporär. Zwar wird von manchen in Abrede gestellt, dass die Migranten hierzulande überhaupt heimisch werden. Zugleich aber berührt diese Frage einen Wesenskern menschlicher Existenz. Denn philosophisch ausgedrückt, bedeutet Wohnen so viel wie: sich die Gewissheit des Geschütztseins real und symbolisch zu bewahren. Und gesellschaftspolitisch gewendet: Die Wohnsituation entscheidet mit darüber, ob Integration gelingt.

          Große Flächen als Voraussetzung

          Deshalb besteht die Herausforderung nicht nur in der Erstaufnahme, sondern in der längerfristigen Versorgung mit angemessenem Wohnraum derjenigen, die hier bleiben werden. Auch wenn es bislang keine belastbaren Erfahrungswerte gibt, muss man doch davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Flüchtlinge nach erfolgter Anerkennung in die wirtschaftlich stärkeren Städte und Regionen ziehen wird.

          Weil es dort ohnehin zu wenige bezahlbare Wohnungen gibt, wächst der Druck. Einerseits durch die schiere Menge der Suchenden, andererseits durch die Konkurrenz, die zwischen einheimischen Wohnungssuchenden und Zuzüglern geschürt wird. Das wiederum verführt dazu, monofunktionale Großsiedlungen zu errichten, meist irgendwo am Stadtrand. Die Stichworte, die man nun allenthalben hört, lauten: serielles Bauen, strenge Typisierung, modulare Systeme, große Stückzahlen. Planerisch setzt das größere Flächen voraus, auf denen schnell gebaut werden kann.

          Das Phänomen der Gettos

          Dabei ist ja durchaus nachvollziehbar, dass die Politik als entscheidungsfreudiger Akteur gesehen werden will, dem es gelingt, schnell Ressourcen und Aufmerksamkeit zu bündeln und quantitativ beachtenswerte Effekte zu erzielen. Wenn sich das zufällig mit den ökonomischen Interessen der Wohnungs- wie der Bauwirtschaft trifft – umso besser. Doch damit droht so etwas zu entstehen wie in Paris: eine Banlieue, in die ausgelagert wird, was man in der Mitte der Stadt nicht haben will. Dass das Leben planbar sei, ist die falsche Prämisse eines solchen Programms. Hierzu zwei Thesen:

          Erstens: Eine gewisse Vielfalt städtischer Milieus ist unabdingbar. Thomas Schelling, einer der Begründer der Spieltheorie, fragte sich bereits in den sechziger Jahren, warum es in großen Städten immer wieder zum Phänomen der Gettos kommt. Warum drängen sich die Türken in „Klein-Istanbul“ in Berlin, die Chinesen New Yorks in Chinatown, die Schwarzen in Harlem, anstatt sich in einem ausgewogenen Mischungsverhältnis zu assimilieren? Er entwickelte daraufhin auf einem Schachbrett das sogenannte Segregationsmodell, wobei er eine Alltagsbeobachtung umsetzte: Wenn eine Spielfigur, die es gewohnt ist, inmitten von Mitgliedern eigener Kultur zu leben, plötzlich von mehr als drei Fremden direkt umgeben ist (bei vier möglichen direkten Nachbarn), zieht sie in eine Gegend um, in der wiederum mindestens drei direkte Nachbarn der eigenen Kultur wohnen. Und nun das gleiche Spiel mit einer anderen Ausgangslage – mit drei Ethnien oder Kulturen oder Religionen. Auf den ersten Blick wird deutlich, dass das Ergebnis ein völlig anderes sein wird. Es kommt allenfalls zu vereinzelten Umzügen, denn nun sind alle Nachbarn von zwei anderen Kulturen umgeben, und die Entscheidung, umzuziehen, liegt nicht mehr auf der Hand. In der Folge bleibt es bei einem höheren Mischungsgrad.

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