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Integrationsgesetz : Was man von den Spätaussiedlern lernen kann

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Gettoisierung ist auch durch den Wohnungsmarkt beeinflusst

Was man in Berlin beobachten kann, stellt auch ein Bericht des Bundesamtes für Migration und Forschung (Bamf) von 2007 fest, in dem das Wohnortzuweisungsgesetz beurteilt wird. Ob es in Städten zu einer starken räumlichen Konzentration gekommen ist, sei vor allem auf die jeweils verfügbaren Sozialwohnungen zurückzuführen. Eine Gettoisierung sei auch mit Wohnortzuweisung nie ganz auszuschließen: Nach Ablauf der Dreijahresfrist könnten die Spätaussiedler schließlich ziehen, wohin sie wollten. Man kann also wie Dege der Meinung sein, die Wohnortzuweisung habe Schlimmeres verhindert. Klar ist aber auch, dass Gettoisierung sich nicht verhindern lässt, wenn der zugewiesene „Wohnort“ ein ganzes Bundesland oder eine Großstadt ist.

Abgesehen von der Wirksamkeit der Wohnortzuweisung - ist die räumliche Konzentration von Einwanderern überhaupt ein Problem? Darüber streiten sich die Soziologen, und auch der Bamf-Bericht hat keine klare Antwort in Bezug auf die Integration der Spätaussiedler. Generell seien zwei Mechanismen zu beobachten: Einerseits vermindere starke Segregation Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Das bedeute einen geringeren Anreiz, Deutsch zu lernen und eine erschwere berufliche Integration. Andererseits könne die Netzwerkbildung durch eine enge Anbindung an die eigene ethnischen Gruppe dabei helfen, im Alltag und beruflich Fuß zu fassen.

Putenbrühwurst und Konfekt Aljonka: Der Mix Markt ist ein Mittelpunkt des Marzahner Lebens

Hört man sich bei den Russlanddeutschen um, dann folgen viele dem ersten Argument. Zum Beispiel Medina Schaubert, mit der sich Dege vor dem Mix Markt im im Marzahner Carrée auf einen Tee trifft: „Viele Gleichgesinnte auf einen Haufen zu tun, ist eine schlechte Idee, wenn es um Integration geht.” Der Mix Markt ist ein Treffpunkt des Bezirks und bietet, was das russlanddeutsche Herz begehrt: Grobe Putenbrühwurst, Konfekt Aljonka und geröstete Sonnenblumenkerne. Vor dem Markt verkauft ein älterer Herr aus seinen VW-Bus Honig aus Eigenproduktion. Die Plattenbauten im Hintergrund erinnern an den real existierenden Sozialismus.

„Die räumliche Streuung ist wichtig.”

Dass ein enges Netzwerk in der eigenen ethnischen Gemeinde bei der Integration helfe, hält Schaubert, die 1994 aus Kasachstan in die Nähe von hier zog, für eine „idealistische Vorstellung”. Vielmehr habe sie beobachtet, dass Integration durch zu viel Kontakt in die ethnische Gemeinde „ausgebremst” wurde, weil ambitionierte Jugendliche von ihren weniger erfolgreichen Freunden ausgegrenzt wurden. Ihr Fazit: „Die räumliche Streuung ist wichtig.”

Sie hat allerdings auch das glückliche Los der Großststadt gezogen, genau wie Georg Dege. Der gibt zu: Manche Freunde, die in einer Brandenburger Kleinstädte gelandet sind, litten unter der Entfernung zu den Verwandten. Für Integrationskurse mussen sie jeden Tag nach Berlin reisen.

Dass manche Spätaussiedler, die durch die Wohnortpolitik an einen Ort gebunden waren, sich selbst überlassen wurden, betrachtet auch Matthias Baaß als Defizit. Seit 1997 ist der SPD-Politiker Bürgermeister des südhessischen Viernheims, einer Industriestadt unweit von Mannheim mit 33.000 Einwohnern, in das 1500 Russlanddeutsche kamen. Grundsätzlich hält Bürgermeister Baaß die Wohnortzuweisung für eine geeignete Maßnahme,  „es muss aber dafür gesorgt sein, dass im ländlichen Raum was läuft”. Es bringe nichts, Einwanderer an einen Ort zu schicken, wo dann kein Sprachkurs zustande kommt, weil es an Teilnehmern oder Personal fehlt.

Russlanddeutscher Honig: Verkäufer vor dem „Mix Markt“ in Berlin-Marzahn

Integrationsangebote sind genauso wichtig

So sehen es auch die Verfasser des BAMF-Berichts: Die Wirkung des Gesetzes sei fraglich gewesen, wenn mit der Verteilung in einen bestimmten Bezirk nicht auch gezielte Integrationsmaßnahmen einhergingen.

Viernheim ist auch ein Beispiel für die Integrationskraft von kleinen Gemeinden, in die ohne Wohnortzuweisung vielleicht gar keine Russlanddeutschen gekommen wären. Nahezu allen Spätaussiedlern sei es gelungen, berufliche Qualifikationen zu erlangen und sich ein Eigenheim zu bauen, so Baaß. Der größte Teil der Spätaussiedler sei letztendlich sogar geblieben. „Im Großen und Ganzen ist die Integration gut verlaufen”, stellt er fest. Man könnte auch sagen: Geräuschlos. Die alteingesessenen Viernheimer, mit denen man auf dem Kirchplatz ins Gespräch kommt, finden, alles sei gut verlaufen. Oder sie haben vom Zuzug der Spätaussiedler nichts mitbekommen.
 

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