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Hilfe von Moscheevereinen : Unter Brüdern und Schwestern

  • -Aktualisiert am

Respektsbezeugung: Besucher des Gebetsraums der der Al-Nour-Moschee in Hamburg entledigen sich ihrer Schuhe. Bild: Henning Bode

Nicht alle muslimischen Gemeinden helfen Flüchtlingen aus islamischen Ländern – zum Ärger derjenigen, die sich umso mehr kümmern. Wie helfen die Moscheevereine den Flüchtlingen?

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          Neulich, so erzählt Abdellah Benhammou, sei einer schwangeren Frau ausgerechnet in der Moschee die Fruchtblase geplatzt. Junge Männer aus der Gemeinde waren vor Ort, um die Flüchtlinge zu betreuen – „Sie können sich vorstellen, wie überfordert die mit der Situation waren.“ Ein Krankenwagen kam gerade noch rechtzeitig, sonst wäre das Baby wohl im Gebetsraum zur Welt gekommen. Es sei wohl alles gutgegangen, sagt Benhammou, doch wo Mutter und Kind heute seien, das wisse er nicht.

          Die Flüchtlinge, die in diesen Tagen Unterschlupf in der arabisch geprägten Al-Nour-Moschee nahe dem Hamburger Hauptbahnhof finden, bleiben meist nur für eine Nacht. Es sind größtenteils Menschen, die in den letzten Wochen über die gefährliche Westbalkan-Route nach Europa eingereist und nach Zwischenstationen in Wien und München in Hamburg angekommen sind. Viele von ihnen wollen weiter nach Skandinavien, doch wer Hamburg spätabends erreicht, kommt erstmal nicht weiter. Und auch diejenigen, die bleiben wollen, brauchen kurzfristig ein Dach über dem Kopf.

          Es ist eine verregnete Nacht, kurz nach ein Uhr, als Abdellah Benhammou mal wieder in der Moschee vorbeischaut. Aus der Gemeinde hat ihn die Nachricht erreicht, dass es wieder voll geworden sei, nun will er sehen, ob er irgendetwas tun kann. Er betritt den Gebetsraum, der sich in einer umfunktionierten Tiefgarage befindet, über die Einfahrt. Normalerweise gehen Besucher den Umweg durch das Treppenhaus, doch jetzt steht das Garagentor weit offen, um Luft in den überfüllten Raum zu lassen.

          Am Eingang wird er von einem aufgekratzten jungen Mann in orangefarbener Warnweste begrüßt. Anas heißt er und ist vor einem Jahr selbst aus Syrien geflohen. Inzwischen geht er hier zur Schule, ist bestens in die Gemeinde integriert und hilft Neuankömmlingen. Es seien schon fast 300 Flüchtlinge da, berichtet er, darunter auch Kinder. Eine Frau huste ununterbrochen. Benhammou verspricht, Medikamente zu besorgen. Er scheint erleichtert, dass sie es in dieser Nacht nur mit Erkältungen zu tun haben.

          Noch nicht viel geleistet

          Der Deutschmarokkaner Benhammou ist im Hauptberuf Maschinenbauingenieur und seit einem Jahr Flüchtlingsbeauftragter der muslimischen Gemeinden in Hamburg. Ausgesucht hat er sich den Posten nicht, er fiel ihm eher zu. Als am runden Tisch für Flüchtlingsfragen der Wunsch nach einem Ansprechpartner für die muslimischen Gemeinden laut wurde, schlugen die Vertreter des Moschee-Dachverbandes Schura Benhammou vor, weil dieser mal unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut hatte.

          Ehrenamtliche Helfer bringen ankommende Flüchtlinge zur Al-Nour-Moschee. Bilderstrecke
          Ehrenamtliche Helfer bringen ankommende Flüchtlinge zur Al-Nour-Moschee. :

          Viel geleistet habe er seit seiner Ernennung noch nicht, gibt Benhammou zu, er sei zu beschäftigt mit seinem Job gewesen. Die Al-Nour-Moschee, in der er sich seit Jahren engagiert, stehe Flüchtlingen zwar offen, und die Hilfs- und Spendenbereitschaft unter den Mitgliedern sei groß. Doch von einem gemeinsamen Konzept in Sachen Flüchtlingsarbeit seien die muslimischen Gemeinden der Stadt weit entfernt.

          Gut die Hälfte aller Flüchtlinge sind muslimischen Glaubens, die Frage nach dem Engagement der hier lebenden Muslime scheint also naheliegend. Als der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinden in Deutschland, Ali Ertan Toprak, vergangenen August Muslimen mangelnde Solidarität mit Flüchtlingen vorwarf und von einem „kollektiven Abtauchen“ der Moscheen bei der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe sprach, reagierten die Islamverbände empört. Muslime engagierten sich genauso sehr wie alle anderen Bürger, sie sprächen bloß nicht drüber, hieß es.

          „Wir würden gerne mehr helfen“

          Und tatsächlich gibt es muslimische Gemeinden im Land, die sich mit großem Eifer in die Flüchtlingshilfe gestürzt haben. Ehrenamtliche der Berliner Sehitlik-Moschee etwa fahren regelmäßig Hilfsgüter in die Flüchtlingsheime ihrer Stadt, bieten Patenschaften für junge Flüchtlinge, Seelsorge und medizinische Betreuung. Und der Imam des Islamischen Forums in Penzberg bot an, bis zu 1000 Flüchtlinge in muslimischen Gemeinden unterzubringen.

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