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Flüchtlingsregistrierung : „Das geht schon an die Substanz“

  • -Aktualisiert am

Registrierung von Flüchtlingen bei der Bundespolizei im Frankfurter Hauptbahnhof Bild: Helmut Fricke

Tag für Tag befragen Bundespolizisten in Frankfurt Flüchtlinge. Ihre Schicksale gehen an den Beamten nicht spurlos vorüber. Und die nächsten Züge sind schon unterwegs.

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          Wieder kommt eine Gruppe Männer in die blaue Lagune. Wie Gestrandete sehen sie aus. Erschöpft, aber zufrieden, endlich angekommen zu sein, irgendwie zumindest. Denn wie es mit ihnen weitergeht, weiß keiner. Blaue Lagune - so nennen die Bundespolizisten einen Tagungsraum in ihrer Inspektion im Frankfurter Hauptbahnhof, der Wandfarbe wegen. In ihm finden die ersten Befragungen der Flüchtlinge statt.

          Es ist Dienstag Mittag, gegen 12 Uhr. Die Polizisten sind mit rund 45 Flüchtlingen beschäftigt. Nicht viele, mag man denken. Doch die Befragungen kosten Zeit, auch wegen der Sprachbarrieren. Da hilft es schon, wenn jemand gut Englisch spricht wie der 27 Jahre alte Tunesier, der seine Heimat verlassen hat, weil er sich dort wegen seiner Überzeugungen nicht frei entfalten kann, wie er sagt.

          Er hatte zunächst bei Freunden in München gewohnt, ist aber weiter nach Frankfurt gefahren. Auch er hat seine Personalien angegeben. Auch er wurde durchsucht. Auch von ihm wurde ein Fingerabdruck genommen. Die Polizisten können in einem Schnellabgleich der Abdrücke per Computer feststellen, ob Flüchtlinge schon anderswo registriert worden sind. Der Tunesier ist es nicht.

          Unaufhörlicher Strom an ankommenden Flüchtlingen

          Mitten in die Arbeit kommt die Mitteilung, dass um 13.45 Uhr ein Zug mit rund 100 Flüchtlingen aus Passau ankommen soll. Es wird nicht der einzige an diesem Tag bleiben: Wie Rainer Willbrand, der Leiter der Frankfurter Bundespolizeiinspektion, später mitteilt, ist für den Nachmittag noch ein Zug mit 100 Flüchtlingen angekündigt und für Mitternacht sogar einer mit 750.

          „Unser Problem ist die Masse der Menschen und der Platz, den wir haben“, sagt Ralf Ströher, Hauptkommissar und Sprecher der Bundespolizeidirektion in Frankfurt. Am Wochenende waren es so viele Flüchtlinge, dass sie in mehrere Notunterkünfte gebracht werden mussten, ohne registriert worden zu sein. Das muss in den Erstaufnahme-Einrichtungen, in die sie kommen, nun nachgeholt werden.

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          Aber eigentlich ist das die Aufgabe der Bundespolizei, und sie tut alles, um ihr gerecht zu werden. In dem Zug aus Passau saßen letztlich 85 Flüchtlinge. Sie werden am Gleis 24 vor dem Eingang zur Bundespolizeidirektion versammelt und von freiwilligen Helfern versorgt. 15 Flüchtlinge waren bereits anderswo registriert, die anderen 70 bringt die Bundespolizei zu ihrem Standort am Frankfurter Berg. Dort werden sie, wie alle nichtregistrierten Flüchtlinge, die am Hauptbahnhof ankommen, ausführlich befragt und erkennungsdienstlich behandelt. Die Polizei muss eine Strafanzeige wegen unerlaubter Einreise ausfertigen. So will es das Gesetz.

          Einzelschicksale machen betroffen

          „Wie ein Roboter ist hier aber keiner“, sagt Ströher. „Das Schicksal der Menschen perlt an den Kollegen nicht einfach ab. Das geht schon an die Substanz.“ Zum Beispiel das der syrischen Familie, die schon in der Polizeistelle am Frankfurter Berg ist. Sie hat die Nacht dort verbracht und wartet auf die Registrierung. Die Eltern sind mit ihren neun, acht und fünf Jahre alten Kindern über die Türkei, Griechenland und Ungarn nach Deutschland gekommen, seit Montag sind sie in Frankfurt. Wo sie unterkommen werden, wissen sie noch nicht.

          Ruhig und routiniert nehmen die Beamten Fingerabdrücke, machen Fotos, führen Gespräche - Tag wie Nacht. Doch auch die Außenstelle, die Anfang August eingerichtet wurde, ist zu klein geworden. Direkt neben ihr werden heute drei Zelte aufgestellt, in denen Flüchtlinge zusätzlich befragt werden können. Erfahren wollen die Polizisten außer den Personalien möglichst auch etwas über die Schleuser, aber über die wollen oder können die Flüchtlinge meist nicht viel sagen.

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          „Die Leute sind erschöpft und müde“, sagt Willbrand. Auch er hat sein Büro im Hauptbahnhof. Er weiß, welches Ansehen Polizisten in den Heimatländern der Flüchtlinge haben. „Wichtig ist uns, ihnen die Furcht vor der Polizei zu nehmen, und das gelingt uns auch oft.“ Um Ängste abzubauen, sei auch das Willkommen der Helfer am Gleis 24 hilfreich, sagt Willbrand. Einen Wunsch hat er dennoch: dass die Flüchtlinge künftig schon registriert sind, wenn sie nach Frankfurt kommen.

          Angesichts der großen Zahl eine verständliche Hoffnung: Von Januar bis August hat die Bundespolizei am Hauptbahnhof 3571 Flüchtlinge aufgegriffen. 1248 waren es allein im August. Und im September ist diese Zahl schon überschritten. Ströher zufolge kommen überwiegend Afghanen, aber auch immer mehr Syrer. Die Zahl von Flüchtlingen vom Balkan sei hingegen erheblich zurückgegangen. Dass wieder Grenzkontrollen eingeführt wurden, merkt auch die Bundespolizei in Frankfurt. „Der Strom von Menschen wird nun ein wenig mehr kanalisiert“, meint Willbrand. Aber eine Prognose, wie lange das so bleiben wird, wagt auch er nicht.

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