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Der Traum von Deutschland : Jeder Deutsche hat ein Haus – in der Vorstellung der Flüchtlinge

Merkel-Montage: Die Kanzlerin bringt das Heil auf Facebook. Der arabische Text lautet: „Geht zu Merkel, weil sie gerecht ist und keinem Menschen Unrecht tut.“ Bild: Facebook

Von welchem Deutschland träumen Flüchtlinge, wenn sie ihre Heimat für immer verlassen? Welche Bilder haben sie vor Augen? Auf welches Leben hoffen sie?

          Merkel kennen alle. Wenn man Flüchtlinge fragt, was sie von Deutschland wissen, dann holen sie ihre Handys heraus und zeigen Bilder der Bundeskanzlerin. Die meisten stehen auf arabischen Facebookseiten. Da gibt es eine Fotomontage, die Angela Merkel im Bischofsgewand zeigt, einen Kreuzstab in der Hand. Darunter steht: „Geht zu Merkel, weil sie gerecht ist und keinem Menschen Unrecht tut.“

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Auf einem anderen Bild hebt Merkel die Hand zum Amtseid. Sie schwört aber nicht auf das Grundgesetz. Sondern sie schwört, laut arabischem Text: „Beim allmächtigen Gott: Ich werde alle Syrer beschützen.“ Noch ein Bild zeigt Merkel im Bundestag, das Gesicht auf die Hände gestützt. Sie sieht müde aus. Bei Facebook aber soll ihre Geste Betroffenheit signalisieren. Denn darunter hat jemand ein Foto montiert, das einen Flüchtling im Mittelmeer zeigt, Unterzeile: „Wir werden unseren Kindern erzählen, dass die irakischen und syrischen Flüchtlinge zu uns geflüchtet sind, obwohl Mekka näher liegt.“

          Das sind nur ein paar Beispiele für Merkelbilder. Es gibt sie in allen Varianten: Merkel mit Deutschlandfahne, Merkel vor Deutschlandfahne, Merkel staatsmännisch, besorgt, verträumt. Die Flüchtlinge erzählen auch von einem Bild, auf dem die Kanzlerin neben dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan abgebildet ist. Die Bundeskanzlerin hält ein Glas Bier in der Hand, Erdogan den Koran. Der Text dazu lautet in etwa: Wieso beschützt Erdogan uns nicht, obwohl er Muslim ist? Wieso beschützt uns Merkel, obwohl sie keine Muslimin ist? Auch den arabischen Regierungschefs wird sie häufig gegenübergestellt. Dann heißt es: Eine Frau ist mehr wert als all diese Männer.

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          Solche Bilder spielen für Flüchtlinge eine große Rolle, besonders für Syrer. Sie kommentieren und teilen sie. Aus ihnen speist sich ihr positives Deutschlandbild. Etwa Odai, 27 (wir haben alle Namen geändert): Als er zum ersten Mal daran dachte, aus Syrien zu fliehen, schaute er zuerst bei Facebook vorbei. Dort lernte er: Merkel hilft den Syrern. Sie sind in Deutschland willkommen. Sie werden zumindest nicht wieder weggeschickt. Auch Bakir, einen 26 Jahre alten Pakistani, haben die vielen Bilder der Bundeskanzlerin beeinflusst. Zuerst floh er nach Griechenland, 2009. Als er in der Krise seinen Job als Gemüseverkäufer verlor, überlegte er, wohin er als nächstes gehen könnte. Dazu suchte er im Netz nach Fotos europäischer Regierungschefs. Er sah vor allem: Merkel. Da hatte er schon eine Ahnung, wer in Europa die Zügel in der Hand hält. Sicherheitshalber fragte er auf einer Party von griechischen Freunden aber noch mal nach, wer das Sagen habe. Die Antwort: „It‘s Big Boss Merkel.“ Das war nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Bakir aber verstand es so.

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          Natürlich ist die Bundeskanzlerin nicht das einzige, was Flüchtlinge von Deutschland gesehen haben, bevor sie kommen. Sie schauen sich auch Fotos von deutschen Städten an, von Wäldern und Cafés. Sie kennen den FC Bayern München, Borussia Dortmund und die deutsche Nationalmannschaft. Deren Spiele haben viele schon gesehen, als sie noch Kinder waren. Odais großes Idol war Michael Ballack. Er hat ihn über das Spielfeld laufen sehen, auf einem Fernseher in Aleppo. Auch nach Ballacks Karriereende schaute er sich die Spiele der Nationalmannschaft an. Aber seit 2011 schieben sich vor die Erinnerungen an Tore und nassgeschwitzte Fußballtrikots Bilder des Bürgerkriegs. Odai weiß nur noch: Er war immer für Deutschland. Und bei irgendeiner Weltmeisterschaft hat einmal Shakira gesungen.

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