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Der Traum von Deutschland : Jeder Deutsche hat ein Haus – in der Vorstellung der Flüchtlinge

Die Flüchtlinge kennen nicht nur Bilder, sie haben auch Geschichten von Bekannten in Deutschland gehört. Ein Cousin, eine Tante, ein ehemaliger Nachbar – irgendjemand ist immer schon da. Und der berichtet zum Beispiel, dass es in Deutschland Sprachkurse für Asylbewerber gibt. Oder dass die Kinder von Anfang an in die Schule gehen können. Dass die Schulen gut sind und die Universitäten auch. Dass es Arbeit gibt in Deutschland und Gesetze, an die sich nicht nur die Bürger halten, sondern sogar die Politiker. Und dass die Ärzte in Deutschland sehr gut sind, besonders im Vergleich mit den arabischen.

Niemand fragt: „Warum bist du alleine unterwegs?“

Ein Syrer erzählt, dass sein Vater schon vor Jahren für eine Operation am Ohr nach Deutschland reiste. An diesem Eingriff hatten sich schon syrische Ärzte vergeblich versucht. In Bonn sollte es jetzt endlich klappen. Alles war bereit: der Vater lag im Operationssaal, Kanülen im Arm. Dann begrüßte ihn der Arzt – auf arabisch. Der Vater riss sich die Schläuche heraus und rannte aus dem Saal. Er wollte sich nicht noch mal von einem Araber operieren lassen, selbst in Deutschland nicht. Schließlich fand sich doch noch ein deutscher Arzt. Seitdem kann der Mann wieder hören. Auf die Frage, was sein Sohn mit Deutschland verbindet, erzählt der diese Geschichte.

Ada aus Albanien, 19 Jahre alt, erzählt eine andere. Von einem Verwandten hat sie gehört: Wenn junge Frauen in Deutschland auf die Straße gehen, ruft ihnen niemand „Honey“ oder „Sweetheart“ hinterher. Oder jedenfalls nicht sehr oft. Niemand fragt: Wohin willst du? Warum bist du alleine unterwegs? Und die Polizei schützt die Leute. Das ist Ada besonders wichtig. Denn ihr Mann konnte in Shkodra jahrelang nicht das Haus verlassen. Er fürchtete, Opfer von Blutrache zu werden, weil sein Onkel einen Arzt zum Krüppel geschossen hatte. Mit dieser Sache hatte der Mann von Ada zwar nichts zu tun, doch Ruhe kann es nach der albanischen Tradition erst geben, wenn es als nächsten einen aus seiner Familie trifft.

„In Deutschland besitzt jeder ein Haus“

Der Iraker Hoakan, 26, hörte von einem norwegischen Freund vor allem eines: Nirgendwo kann man so gut wrestlen wie in Deutschland. Für ihn das wichtigste - im Irak war er Sportsoldat und mehrfacher Wrestlingchampion. Dann sollte er zu einem einfachen Soldaten degradiert werden und gegen den IS kämpfen. Bevor es so weit kam, floh er. Gleich nach seiner Ankunft in Deutschland schrieb er einen Wrestlingverein an. Deutsch konnte er nicht, er ließ sich seine Fragen einfach von Google übersetzen. Die Konversation ging so: Hoakan: „Ich wartete auf Ausbildung, aber ich habe nicht einen finden. Ich Player Wrestling irakischen.“ Wrestlingtrainer: „Willst Du bei uns ringen?“ Hoakan: „Yes. Ich warte an Ort und Stelle.“ Seitdem kommt er jeden Tag.

Im Prinzip ist es so: Was Flüchtlinge über Deutschland hören wollen, das hören sie auch. Sie müssen nur die richtigen Fragen stellen. So kursiert alles Mögliche über Deutschland. Zum Beispiel die Geschichte mit der Fähre. Ein Syrer zeigt ein Bild des Bootes auf seinem Handy. Er hat gehört, das habe die deutsche Regierung höchstpersönlich losgeschickt, um Flüchtlinge an der libyschen und jordanischen Küste abzuholen. Ein anderer glaubte über Deutschland vor allem zu wissen: Hier besitzt jeder ein Haus. Als ihm zum ersten Mal jemand sagte, dass das nicht stimmt, antwortete er: „Das kann gar nicht sein.“

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