https://www.faz.net/-gpf-8l1wx

Gauck-Rede am Tag der Heimat : Der weite Weg der Vertriebenen

Fremde Menschen in vertrauter Idylle: Flüchtlinge folgen einem Polizeiwagen bei Wegscheid (Bayern) Bild: dpa

Was früher für Deutsche der Himmel über Ostpreußen war, ist für die Syrer der Basar von Aleppo: In seiner Rede am Tag der Heimat weist Joachim Gauck darauf hin, was Flüchtlinge von damals und heute verbindet.

          Die Heimat zu verlieren, das haben viele Millionen Deutsche erlebt, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Dörfer und Städte im Osten verlassen mussten. Sie flohen vor der rachewilden Roten Armee oder wurden nach der letzten Schlacht von ihren früheren Nachbarn verjagt. Hunderttausende starben auf der Flucht, Millionen erlitten Schreckliches. Einmal im Jahr, am „Tag der Heimat“, erinnern seit 1950 das offizielle Deutschland und die Vertriebenen an die Ereignisse.

          Für die Geflüchteten war es ein weiter Weg, in Kilometern von Insterburg oder Breslau nach Westen, aber auch in ihrem Denken und Fühlen. Die Revision der Grenzen von 1945 blieb bis Anfang der neunziger Jahre für viele eine Hoffnung.

          Umgekehrt kamen sie unter Landsleute, die ihre Trauer lästig fanden, ihre Träume bösartig. Die Erinnerung verblasste nicht nur, sie wurde auch getilgt. Bundespräsident Gauck, der am Samstag die diesjährige Rede gehalten hat, bilanzierte das ohne das falsche Pathos früherer Jahre: Der Weg zur Integration war weit und hart.

          Immer noch verunsichert

          Denn Joachim Gauck wollte auf eine Verbindung hinweisen zwischen den vielen Deutschen, die in ihren Familien Erinnerungen an den Verlust der Heimat hegen, und denen, die in den vergangenen Monaten als Flüchtlinge und Vertriebene gekommen sind. Die Erfahrungen haben die Vertriebenen geprägt.

          Einige Soziologen sagen, etliche, die etwa aus Hinterpommern oder dem Sudetenland kamen, seien immer noch so verunsichert, so sehr an Sicherheit im Bestehenden orientiert, dass sie und selbst ihre Nachfahren Veränderungen ablehnten. Und also auch Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak.

          Verbindung aller Flüchtlinge

          Ganz anders deutet es Gauck. Er meint, dass besonders diese deutsche Bevölkerungsgruppe das Schicksal der heutigen Flüchtlinge mitfühlen kann. Die existentielle Erfahrung eines Heimatverlusts sei Flüchtlingen aus der ganzen Welt gemein. Es sei, so beschrieb es Gauck, „die tiefe Prägung durch traumatische Flucht, Trauer um das Verlorene“, aber auch „das Fremdsein im Ankunftsland, die Zerrissenheit zwischen dem Nicht-mehr-dort und dem Noch-nicht-hier-Sein“.

          So wie die Deutschen vom plätschernden Bächlein im Hirschberger Tal, vom kleinen Ännchen in Memel oder vom weiten Himmel in Ostpreußen träumten, so begegnen die Flüchtlinge unserer Tage in ihren Nächten dem Basar in Aleppo oder dem Sindschar-Gebirge im Nordirak.

          Dass aus dem Mitfühlen auch Hilfe erwächst, kann man in manchen Fällen dieser gemeinsamen, epochalen Erfahrung zurechnen. Immerhin betreibt der Bund der Vertriebenen im ganzen Land insgesamt siebzehn Beratungsstellen mit hauptamtlichen Mitarbeitern, die Flüchtlingen bei der Integration helfen. Unter den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die als Freiwillige zupacken, stammt, so berichtete Gauck, etwa ein Drittel aus einer Vertriebenenfamilie.

          Soziale Herkunft wichtiger als geographische

          Schicksalsverbundenheit überwindet aber nicht die Schwierigkeiten der Integration. Gauck nutzte deshalb die Erinnerung an den weiten, schweren Weg der Landsleute zur Mahnung: Es werde lang andauernd und kräftezehrend sein. Schon im vergangenen Jahr hatte der Bundespräsident mit einem Satz zum Realitätsgewinn beigetragen, der in Erinnerung bleibt: „Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“

          Integration ist heute weniger eine Frage geographischer Herkunft als früher. Denken ist wichtiger als Raum. Wer in Aleppo oder Damaskus aufgewachsen ist, dort studiert und gearbeitet hat, Zugang zu Kunst und Kultur hatte, dem fällt es leichter, sich hier zurechtzufinden. Bildung, die Vernetzungen über soziale Netzwerke, Sprachkenntnisse, Lebensmut, das zählt mehr als die Postleitzahl der Herkunftsgegend.

          Joachim Gauck während seiner Rede am Tag der Heimat

          Familien mit geringer Welterfahrung, die aus religiöser und sozialer Enge kommen, haben es schwerer, egal ob sie von einem Nest in der Bukowina stammen oder einem syrischen Dorf. Flüchtlinge treffen hier unverändert auf Hilfsbereitschaft und Offenheit, trotz mancher Rückschläge.

          Man muss Integration wollen

          Der Vertriebenenpräsident Bernd Fabritius erinnert sich, dass nach dem Krieg gesagt wurde, es gebe drei Landplagen: Kartoffelkäfer, Wildschweine und Flüchtlinge. Ein kühler Empfang war die Regel, nicht die Ausnahme. Man hat sich arrangiert, nicht gemocht. Diese Wahrheit hat inzwischen die früheren Legendengewebe durchstoßen, spätestens mit dem Buch „Kalte Heimat“ von Andreas Kossert. Bis heute, siebzig Jahre nach den Ereignissen, gibt es noch keinen Ort, an dem die Bundesrepublik mit einer Ausstellung und Dokumentation an das schwere Schicksal von Millionen Deutschen erinnert. Das spricht Bände.

          Die angeblich so kulturnahen Landsleute hatten jedenfalls einen deutlich frostigeren Empfang als viele heutige Flüchtlinge. Doch auch sie müssen wissen: Integration ist ein hartes Stück Arbeit, man muss sie wollen, danach streben, sich bemühen, Widerstände überwinden. So wie damals die deutschen Heimatvertriebenen. Daran hat Gauck erinnert.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Folgen:

          Weitere Themen

          Immer mehr Tabuthemen

          FAZ Plus Artikel: Allensbach-Umfrage : Immer mehr Tabuthemen

          Der Raum für die Meinungsfreiheit wird kleiner, so sieht es eine Mehrheit der Bürger. In einer Allensbach-Umfrage äußern fast zwei Drittel der Befragten das Gefühl, man müsse im öffentlichen Raum „sehr aufpassen“, was man sagt.

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Topmeldungen

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.