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Unterbringung von Flüchtlingen : Was nicht passt, wird passend gemacht

Nur noch in Katastrophenszenarien geplant

Hummel spricht von der „Clausewitz-Methode“, von der „Campingplatz-Lösung“ einer Regierung, die kopflos nur noch in Katastrophenszenarien geplant habe, ohne zu sehen, was sie dabei unterpflüge. Für Toiletten und Duschen hätte es wie auf dem Funari-Gelände auch auf Franklin nur Container geben können. „Für uns war die Frage: Wie bringen wir zwölf Investoren dazu, die Verträge doch noch zu unterschreiben, wenn auf der Fläche nun auf einmal 12.000 Flüchtlinge untergebracht werden sollen?“, fragt Hummel.

Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) und Hummel mussten mehrfach nach Stuttgart reisen, um die Landesregierung von ihrem Plan der schöpferischen Zerstörung abzubringen. Am 27. Oktober kaufte die städtische Entwicklungsgesellschaft das Franklin-Gelände von der „Bundesanstalt für Immobilienfragen“ (Bima), und im April sollen nun die Bagger mit den ersten Vorarbeiten beginnen. „Es ging uns hier um Eindämmung, Containment, wenn man so will. Das Regierungspräsidium und das Land hätten gern die ganze Fläche besiedelt, am Ende wären es vielleicht 20.000 Flüchtlinge gewesen, das wäre sozialpsychologisch schwer zu beherrschen gewesen.“

Eigentlich soll es in Baden-Württemberg immer weniger „behelfsmäßige Erstaufnahmeeinrichtungen“ geben, denn das Land zentralisiert die Erstaufnahmen in einem Registrierzentrum in Heidelberg. Dort kamen zu Vorführterminen schon Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und der Chef des Bundesamtes für Migration, Frank-Jürgen Weise, zu Besuch. Bislang werden die angestrebten Registrierquoten noch nicht erfüllt.

Die Konversion kann beginnen

In Mannheim konnte für das Konversionsprojekt ein Kompromiss gefunden werden: Die vorläufigen Erstaufnahmestellen in den Funari und den Sullivan-Barracks werden Ende März 2016 aufgelöst, nur im Columbus-Quartier, das durch eine Straße vom übrigen Franklin-Gelände getrennt ist, sollen bis Ende 2018 weiterhin Flüchtlinge untergebracht werden. Als weitere Standorte werden die ehemalige Spinelli-Kaserne im Stadtteil Feudenheim und die Hammond Barracks in Seckenheim für die Flüchtlingsunterbringung zur Verfügung gestellt. Die Konversion kann also beginnen.

Am Rande des Geländes, an der Bundestraße B 38, wo der Stadtteil Vogelstang beginnt, haben die Stadtentwickler große Plakate aufstellen lassen. „Franklin – Willkommen zu Hause“ ist darauf zu lesen. Auf dem Platz vor der Sportarena, dem Bowling-Club und dem Großraumkino sprießt das Gras mehr als einen Meter hoch durch die Ritzen des Pflasters. An der Campus-Idee der Amerikaner wollen die Mannheimer Stadtplaner festhalten, das Gelände soll aber mit einer Nord-Süd-Grünachse aufgelockert werden. Ein begrüntes Versorgungszentrum soll in der Mitte des neuen 100.000 Quadratmeter großen Wohngebiets mit 4500 Wohneinheiten für 8000 Menschen gebaut werden, die neue Siedlung soll ein Vorbildprojekt für nachhaltige Mobilität und regenerative Energie werden.

Unerwartete positive Nebeneffekte

Die sanierten und die neu gebauten Wohnungen auf dem Franklin-Gelände sollen auch für Flüchtlingsfamilien geeignet sein, die Entstehung eines Gettos wollen Hummel und Judt verhindern. 700 von den 4500 Wohnungen sollen zu Mieten angeboten werden, die unter der Mannheimer Durchschnittsmiete liegen. Alle zwölf Investoren hätten zugesichert, solche Wohnungen anzubieten.

Von der „Verbilligungsrichtlinie“ der Bundesregierung zur Förderung des Wohnungsbaus auf ehemaligen Kasernengeländen halten die Mannheimer Konversionsfachleute gar nichts. Nach der „Verbilligungsrichtlinie“ kann die Bima nämlich eine ehemalige Kaserne, die zum Beispiel 50 Millionen Euro kostet, für 2,5 Millionen Euro weniger verkaufen, wenn der Investor verspricht, dort hundert Wohnungen unter dem Mietpreisspiegel zu bauen. Eine Wohneinheit würde dann mit 25.000 Euro subventioniert. „Wer das macht, der bekommt den Sozialwohnungsbau der siebziger Jahre, das ist dann der alte, schlechte deutsche Sozialstaat“, sagt Hummel.

Aber die Flüchtlingsunterbringung hat unerwartete positive Nebeneffekte: Auf der B38 durfte man – zum Ärger vieler Anwohner – bisher hundert Stundenkilometer fahren, für eine innerstädtische Bundesstraße ist das ziemlich schnell. Nachdem die Flüchtlinge angefangen hatten, die Straße zum Einkaufen häufig zu überqueren, ging es mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung nun auch ganz schnell. Seit sechs Wochen sind auf der Straße nun nur noch 70 Stundenkilometer erlaubt.

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