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Flüchtlinge in Berlin : Nach dem Chaos kommt die Warteschleife

Anstellungssache: Flüchtlinge vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales Bild: dpa

Über Monate war das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales der Inbegriff einer überforderten Behörde in der Flüchtlingskrise. Nun bessert sich langsam die Lage – wenngleich die Zustände weiter chaotisch sind. Ein Besuch.

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          Am Abend gibt es für Sheer Afzal eine gute Nachricht. Um vier Uhr nachmittags hatte sich der junge Pakistaner mit etwa 40 anderen jungen Männern in einer Reihe vor dem Tor zum Berliner Lageso-Gelände auf den Bürgersteig gekauert. Alle hielten eine Klarsichtfolie mit Papieren in der Hand. Das Amt, zu dem jeder nach Berlin kommende Flüchtlinge muss, hatte schon geschlossen. Aber der Pakistaner wollte unbedingt zu den Ersten gehören, die am Morgen zu den Wartezelten vor Haus A des Lageso rennen, wenn um vier Uhr die Tore geöffnet werden. Sie wollten diesmal sichergehen, dass sie nicht umsonst anstehen. Wie so viele vor ihnen. Das war am Montagabend.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Die gute Nachricht: Seit Montagabend dürfen die Asylbewerber schon abends in die beheizten Wartezelte, in denen sie direkt vor Haus A anstehen. Haus A des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, ein zehnstöckiger Waschbetonbau auf dem Gelände des früheren Krankenhauses Moabit, ist längst zum Amboss geworden, auf den all diejenigen schlagen, welche die Berliner Verwaltung in der Flüchtlingskrise für unwillig und überfordert halten.

          Schlafen auf Biertischen

          Auf der Freifläche vor Haus A, wo früher einmal eine Wiese neben einer Platanenallee war, entstanden im Sommer einprägsame Bilder für ein Politikversagen. Tausende Menschen mussten in einer riesigen Traube Stunden und Tage in der Hitze völlig erschöpft und ohne erkennbare Ordnung warten, um sich in dem grauen, düsteren Verwaltungsbau als Flüchtlinge registrieren zu lassen. Im obersten Stockwerk des Gebäudes war das Büro des Behördenleiters Franz Allert, der in der vorigen Woche vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) in einem Fernsehinterview öffentlich zum Rücktritt genötigt worden war.

          Die Bilder sind inzwischen nicht mehr so eindeutig wie im Sommer. Wer am Freitagmorgen um 7.35 Uhr die Turmstraße entlang zum Lageso geht, wird zwar von zahlreichen Flüchtlingen begleitet, von Menschenmassen zu sprechen wäre jedoch weit übertrieben. Am rotlackierten „Einsatzwagen“ der Heilsarmee schenken junge Frauen Kaffee aus. Der grüne Wagen vom „Gorilla Barbecue“ ist noch geschlossen. Auf dem Gelände, auf dem sich das Lageso befindet, herrscht Betrieb, aber ein ziemlich geordneter. In einem der Zelte, die dort stehen, sitzen ein paar Menschen. Manche haben sich zum Schlafen auf die Biertische gelegt.

          Ein Flüchtling klettert über ein Absperrgitter

          Es ist ein verregneter Dezembermorgen, dessen milde Temperaturen von mehr als zehn Grad die Gedanken an Weihnachten ebenso überflüssig erscheinen lassen wie an kalte Füße. Etwas weiter entfernt stehen wieder zwei Zelte, diesmal direkt vor dem Haus A. Das linke ist für die Männer reserviert. Es befinden sich etwa 200 darin. Sie stehen dichtgedrängt in zwei Schlangen, es ist ruhig. Viele von ihnen warten, um das monatliche Taschengeld abzuholen. Ordnungskräfte wachen darüber, dass alles ruhig bleibt. Am Freitagmorgen haben sie nicht viel zu tun. Im Zelt für die Frauen und Kinder, gleich nebenan, sitzen etwa 30 Menschen. Nicht weit von den Zelten entfernt steht ein Einsatzwagen der Polizei mit geöffneter Tür, die Beamten wirken entspannt. Der Mitarbeiter einer Reinigungsfirma schleift an einer Zange einen nassen Schlafsack hinter sich her und wirft ihn in den Müllcontainer.

          Die Geschichten vom Chaos erzählen jetzt die Zettel, mit denen diejenigen wedeln, die an den Absperrgittern rund um das Gebäude um Einlass bitten. Sheer Afzal hat in seiner zerknautschten Klarsichtfolie vier von diesen Zetteln. Der erste ist sein Termin für den 9. November. Dann kommen die weiteren Zettel: Der Asylbewerber habe am 9. November „vorgesprochen und konnte leider nicht abgefertigt werden“, steht darauf. Nächster Termin: 12. November. Da bekommt er ein gleichlautendes Schreiben mit einem neuen Termin für den 18. November ausgestellt, dann für den 4. Dezember, und so weiter. Sheer Afzal hatte jeweils über Stunden mit seinem Termin angestanden und war doch nicht drangekommen.

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